Warum kann ich so schwer Grenzen setzen?

Der Videoabend ohne Grenzen

Wir haben uns bisher zwei Mal getroffen. Du fragst, wann wir uns wiedersehen. Ich freue mich darüber und wir verabreden uns für Samstagabend. „Was wollen wir machen?“ „Komm doch zu mir, wir schauen uns ganz gemütlich einen Film an.“

Ich kriege ein murmeliges Gefühl in der Magengegend. Die ersten Alarmglocken gehen an. „Ach du, ich weiß nicht. Vielleicht ist das noch etwas früh.“ „Liebes, du brauchst dir keine Sorgen machen, es wird nichts geschehen, was du nicht auch möchtest.“ Ich fühle mich nicht wirklich wohl dabei, lasse mich aber dennoch überreden.

Es ist Samstagabend, du begrüßt mich an der Wohnungstür mit einem entspannten Lächeln. Wir plaudern ein wenig, ich fühle mich innerlich angespannt. Irgendwie in Habachtstellung. Du bist höfflich und distanziert.

Später sitzen wir zusammen auf der Couch und du streichst vorsichtig über meinen Arm. Lächelnd beugst du dich behutsam zu mir herüber. Deine Lippen sind weich, deine Zunge spielt zart mit meiner, ich küsse dich gerne. Ich spüre ein leises Ziehen im Unterleib und rücke etwas näher an dich heran. Und schon spüre ich deine Finger unter meinem T-Shirt. Die Alarmglocken schrillen los. Will ich das? Kann ich das? Ich gebe mich passiv, um dich zu mehr zu animieren, aber ich küsse dich weiter. Ich mag es zu küssen. Du wirst forscher und ziehst mir das Shirt über den Kopf, möchtest mich sogleich auch noch meiner Hose entkleiden. „Ziehst du immer so schnell eine Frau aus?“ ist alles was mir dazu einfällt. Du zwinkerst mir nur zu, lässt dich aber nicht weiter aufhalten und küsst mich wieder.

Eigentlich geht mir das alles viel zu schnell, ich verspüre noch gar kein Verlangen mit dir zu schlafen und doch kriege ich kein Wort heraus. Lasse dich einfach gewähren, küsse dich weiter. Du fragst mich, ob du mich von hinten nehmen darfst. Ich schüttle nur schüchtern den Kopf und sage ausweichend, dass mir die Missionarsstellung lieber ist. Du akzeptierst es und dringst behutsam in mich ein. Ich küsse dich wieder. Küssen beruhigt mich. Gibt mir ein Gefühl von Sicherheit und Nähe.

Ein paar Minuten später fragst du mich erneut, ob du mich von hinten nehmen darfst. Ich bin nicht überzeugt. Doggy ist nicht gerade meine Lieblingsstellung. Da muss ich schon richtig geil sein, dass ich das genießen kann. Das ist aber gerade irgendwie nicht der Fall. Ich mag deine Nähe und deine Küsse.

Ich stöhne innerlich auf und bringe nur ein leises Ok heraus und lasse dich wieder gewähren…

Die Tantra-Massage mit Grenzüberschreitung

Ich bin noch jung. Die zweite Staffel Germanys Next Topmodel läuft im Fernsehen und ich fühle mich inspiriert. Eine Freundin hat kürzlich tolle Fotos von mir gemacht, die ich mit kleinem Stolz auf eine Online Set Card hochgeladen habe.

Ein paar Tage später schreibt mich ein Fotograf aus München an. Ich bin beeindruckt. Auf seiner Webseite befinden sich wahnsinnig gute Fotos und viele bekannte Gesichter von Prominenten. Ich fühle mich geschmeichelt.

Als ich mich bei ihm vorstelle, ist alles entspannt und locker. Er berichtet mir und einer anderen jungen Frau von seinen neusten Plänen. Schaut unsere Fotos an und gibt uns Tipps, wie wir uns besser vorstellen können. Nach ein zwei Stunden, verlässt uns die andere Frau und er möchte mir sein neustes Projekt zeigen. Die Idee ist eine Tantra Serie für den italienischen Playboy. Er hat schon ein Model dafür und sucht noch eine Partnerin für sie. Er zeigt mir ein paar Aufnahmen von ihr, die wirklich schön und erotisch aussehen. Ich gestehe, dass ich mit Tantra noch nicht ganz so viel Erfahrung habe, es aber als eine Massagetechnik kennengelernt habe. Daraufhin schlägt er mir vor, er könne es mir zeigen, er habe dazu eine Ausbildung gemacht.

Etwas unsicher, aber neugierig stimme ich zu. Massiert werden ist ja eigentlich bisher immer ganz nett gewesen.

Er bereitet im Nachbarzimmer alles vor. Als ich eintrete, verlässt er den Raum, so dass ich mich in Ruhe entkleiden und auf das Bett legen kann. Das vorbereitete Handtuch breite ich über mich aus.

Als er anfängt mich zu massieren, fühlt sich das gut an. Er weiß, was er macht. Seine erfahrenen Hände gleiten sanft, mit Druck an den richtigen Stellen, über meinen Körper. Ich schalte ab und genieße die Berührungen.

Nach zehn oder fünfzehn Minuten möchte er, dass ich mich umdrehe und beugt sich über mich herüber. Sein Gesicht nähert sich dem meinen und ich drehe entsetzt meinen Kopf zur Seite. Er fängt plötzlich an, an seiner Hose herum zu nesteln und packt seinen Penis aus. Panisch versuche ich mich ihm zu entziehen und stammle, dass ich einen Freund habe und dass ich nicht mit ihm schlafen kann. „Du warst eben dran, jetzt bin ich dran. Irgendetwas musst du mir zurückgeben.“, säuselt er mir schleimig ins Ohr. Mir ist ganz übel, aber ich weiß nicht wohin. Er nimmt meine Hand und drückt mir seinen schlaffen Penis in diese. Hoch runter, hoch runter. Nach einer Weile fordert er mich auf, ihn in den Mund zu nehmen. Innerlich ohnmächtig, folge ich seiner Anweisung. Am liebsten würde ich mich sofort übergeben. Die Minuten schleichen quälend langsam vorbei. Immer wieder muss ich meinen Würgereiz unterdrücken.

Als er kommt, flüchte ich ins Badezimmer. Fühle mich wie in so einem schlechten Film. Unter der Dusche drehe ich das Wasser so heiß auf, dass ich mich fast verbrenne. Danach putze ich mir die Zähne mit den Fingern und Zahnpasta. Einmal, zwei Mal, drei Mal. Der Ekel will nicht so recht verschwinden.

Als ich mich wieder einigermaßen gefasst habe und das Badezimmer verlasse, finde ich ihn an seinem Computer. Er hat einen Porno angemacht und holt sich einen runter. Begeistert ruft er mich zu sich und zeigt mir, wie er mich gerne sehen würde. Er deutet mir an, mich vor ihm nieder zu knien. Ich gehorche. Die Tortur beginnt von vorne. Ich fühle mich absolut hilflos, total überfordert. Erst als er immer drängender wird, mir die Tränen schon in die Augen schießen, kann ich mich abwenden. Presse nur heraus, „Ich will das nicht.“ Und verlasse fast fluchtartig das Haus.

Den nächsten Tag ruft er mich tatsächlich überaus fröhlich an und berichtet mir, dass er dem zweiten Model schon von mir erzählt hat und, dass sie sich schon freut mich kennenzulernen. Tonlos sage ich nur, dass ich es mir anders überlegt habe. Er versucht mich noch zu überzeugen. „Hey, ist das wegen deinem Freund? Da musst du dir doch gar keine Sorgen darüber machen. Es ist doch gar nichts passiert.“

Ich fühle mich so dumm und naiv. War das jetzt sexuelle Belästigung, aber ich fühle mich so unglaublich schuldig? Habe ich jetzt meinen Freund betrogen? Wie konnte ich so blöd sein?

Zehn Jahre später habe ich das erste Mal darüber gesprochen.

Warum kann ich nicht so eindeutig Grenzen setzen, dass sie akzeptiert werden?

Warum verkaufe ich mich eigentlich unter Wert?

Inzwischen fühle ich mich etwas schlauer. Ich versuche Dates mit Männern, die ich kaum kenne, in intimer Atmosphäre tunlichst zu vermeiden. Ich habe damit begonnen, zu kommunizieren, was ich möchte. Wieder etwas Ernsthaftes. Ich habe das Gefühl, mich genug ausgetobt und experimentiert zu haben. Ich hatte öfters zu schnell Sex, aber ich habe auch wunderschöne Male, wie meinen Dreier erfahren dürfen. Aber ich bin es leid, mich immer wieder auf einen neuen Menschen einzustellen und kommuniziere das auch offen und ehrlich bei meinen Dates. Mir gelingt es zunehmend besser, auch schon direkt nach dem ersten Treffen zu sagen, ob ich einen Mann wiedersehen möchte, oder nicht. Ich treffe immer öfters Männer, die nicht nur an schnellem Sex interessiert sind.

Wir haben uns jetzt schon vier Mal getroffen. Du schreibst mir, dass du mich begehrst. Ich antworte dir, dass ich dich auch sehr anziehend finde und der erste Kuss sehr schön war. Ich möchte nicht, dass es wieder zu schnell sexuell wird. Also bitte ich dich, dass wir uns Zeit lassen. Zwei Tage später bekomme ich die vorerst letzte Nachricht von dir. Ich fühle mich abgewiesen und verunsichert.

Ein paar Wochen später erhalte ich tatsächlich wieder eine Nachricht von dir. Du hast so wenig Zeit und gerade keine Nerven für eine Beziehung, aber du würdest mich so gerne mal vernaschen. Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits freue ich mich, dass du dich, wieder gemeldet hast, anderseits fühle ich mich durch dein „Angebot“ gekränkt. Das ist nicht das, was ich möchte. Statt die Nachricht einfach zu ignorieren, fange ich an mit dir zu diskutieren, zu verhandeln, mich zu rechtfertigen und nachzugeben.

Ich frage mich, warum ich nicht mal hier eindeutige Grenzen setzen kann? Warum stehe ich nicht für das ein, was ich wirklich möchte? Warum bin ich immer wieder versucht meine Ansprüche herab zu setzen und mich auf faule Kompromisse einzulassen für ein bisschen Nähe und Aufmerksamkeit von einem Mann, den ich attraktiv finde? Nur weil mein kleines Herz sich nach Liebe sehnt, muss ich mich doch nicht dafür verkaufen?

Nun habe ich mich schon so viel mit Selbstliebe beschäftigt. Ich halte mich für einen tollen Menschen, der liebenswert ist, mit dem man viel Spaß haben kann, der freudig durchs Leben geht und beruflich erfolgreich ist.

Und doch verurteile ich mich dafür, dass ich nicht so richtig für meine Bedürfnisse und Wünsche einstehen kann und mich auch noch schlecht dabei fühle und mich rechtfertige, wenn ich versuche dafür einzutreten.

Ich fühle mich schlecht, von der Norm abzuweichen, weil ich keinen Casual Sex haben möchte und kann. Mit Männern, mit denen ich schlafe, kann ich mir grundsätzlich mehr vorstellen. Und kann ich das nicht, weil ich versehentlich doch mal in einer bestimmten Stimmung einen One-Night-Stand hatte, dann habe ich gar kein Bedürfnis mehr diesen Menschen überhaupt wieder zu sehen. Also so Freundschaft Plus funktioniert bei mir irgendwie auch nicht. Bei mir ist Sex so ein ganz oder gar nicht Ding.

Ich mag es, einen Menschen erstmal auf freundschaftlicher Ebene kennenzulernen bevor ich intim mit ihm werde. Aber ich habe das Gefühl, dass immer weniger Männer die Bereitschaft aufbringen, geduldig zu sein und zu warten. Die nächste Bereitwillige ist ja nur einen Swipe entfernt.

Ich fühle mich unter Druck gesetzt. Als junges Mädchen habe ich schnell gelernt, dass ich durch das Ausstrahlen von Sex, Aufmerksamkeit bekomme. Die Kehrseite ist hier ja nur, dass mir diese Art von Aufmerksamkeit nicht reicht. Ich möchte als ganzer Mensch wahrgenommen werden. Ich habe immer das Gefühl ich müsste den Sex noch dazu geben. Ohne ihn bin ich nicht interessant genug. Vielleicht kann ich deswegen meine Grenzen nicht kommunizieren. Ich glaube auch, dass die Männer das merken, dass ich ein leichtes Opfer bin. Vermutlich denken sie, ich spiele nur ein bisschen Geziertheit.

Selbst in meinen Beziehungen habe ich mich schlecht gefühlt, wenn ich nicht immer bereit war Sex zu haben. Habe Sex gehabt, auch wenn ich gerade gar keine Lust darauf hatte.

Manche Frauen kriegen sogar Vaginismus, wenn sie nicht in der Lage sind, ihre Grenzen zu beschützen. Da übernimmt dann der Körper und reagiert mit Schmerzen, wenn es zum Geschlechtsakt kommt.

Was hilft beim Grenzen setzen?

Was hilft nun beim Grenzen setzen?

Verhaltensmuster anerkennen und sie sich bewusst machen. Nur wenn dir deine Verhaltensmuster bekannt sind, kannst du auch an ihnen arbeiten.

Weitermachen und die Verzweiflung überwinden. Oh ja, ich bin schon öfters mal verzweifelt, aber nach jedem Sturz richte ich mein Krönchen und mache weiter. Ich arbeite mit meinem Unterbewusstsein und versuche Blockaden zu lösen. Ich wähle behutsamer aus, wo ich Menschen kennenlerne. Nicht mehr über Tinder, sondern im realen Leben. Über Workshops und Gruppen, die sich mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigen.

Ich versuche mich nicht dafür zu verurteilen, dass ich zu schnell mit Männern im Bett war. Ich arbeite weiter kontinuierlich an meiner Selbstliebe und teste wie ich am Besten Grenzen setze.

Ja, mir ist das peinlich, dass ich das „in meinem Alter“ immer noch nicht so richtig auf die Reihe kriege. Aber es hat uns ja nie jemand beigebracht und so müssen wir die Erfahrungen leider in der Regel selber machen. Oder wir lassen uns durch die Erfahrungen anderer inspirieren.

Mit jeder Erfahrung klappt es ein Mü besser. Das ist nervenaufreibend und verdammt anstrengend. Aber ich bin davon überzeugt, dass es all die Anstrengungen wert sein wird.

Am Ende können wir die Beziehung führen, die wir uns wünschen. In der wir respektiert werden, in der wir Sex haben, wenn wir Lust darauf haben, in der wir unsere Grenzen eindeutig kommunizieren können und diese geschätzt und geachtet werden. In der wir unserem Partner auf Augenhöhe begegnen und keiner vom anderen abhängig ist. Frei, voller Lust und Liebe, geheilt. Lust, Liebe, Heilung.

 

Foto by Rebecca Treger

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