Vatermänner – Ein Buch von Julia Onken

Ein Bericht über die Vater-Tochter-Beziehung und ihren Einfluss auf die Partnerschaft

Immer wieder tue ich Dinge, die ich nicht möchte. Ich kann schwer Grenzen setzen und habe mich in der Vergangenheit schon für so manchen Mann zum Affen gemacht. Und das, obwohl ich noch nicht einmal richtig verliebt war.

Das nervte mich tierisch und ich fragte mich zunehmend, woher dieses Verhaltensmuster kommt. Wo ich doch sonst eine unabhängige und selbstbewusste Frau bin, die weiß, was sie vom Leben möchte. Und gerade als der Frust mich zu übermannen drohte, wurde mir dieses kleine Büchlein empfohlen. Plötzlich begann ich zu verstehen. Erkannte mich in vielen Situationen, die die Autorin Julia Onken beschreibt, wieder. Ich entdeckte in meinen vergangenen Beziehungen sowie in meinem Sexualleben ein buntes Gemisch der Verhaltensmuster aus Gefall- und Leistungstochter.

Ich glaube daran, dass wenn wir die Ursachen für unser Verhalten aufdecken und verstehen, dann haben wir endlich die Möglichkeit unsere zukünftigen Handlungen zu beeinflussen. Und somit möchte ich jeder Frau, die ähnliche Abgrenzungsprobleme in der Beziehung zu Männern hat wie ich, dieses Buch empfehlen. Vielleicht liegt die Ursache für dein Verhalten in der Beziehung zu deinem Vater.

Die Vorgeschichte

Zu Beginn des Buches beschreibt Julia Onken ihre Kindheit und die Beziehung in dieser Zeit zu ihrem Vater, auch das Verhältnis zwischen den Eltern sowie das zu ihrer Mutter. Als jüngstes Kind aus zweiter Ehe erfährt sie nicht ganz so viel Beachtung vom Vater, wie die anderen Töchter. Trotzdem liebt sie ihren Vater über alle Maße und berichtet von vielen glücklichen Momenten mit ihm.

Ein Brief an den Ex

Das nächste Kapitel startet mit einem persönlichen Brief. Einen Brief an den Exfreund, während er sich mit einer anderen Frau beschäftigt. Erst später fällt mir auf, dass das ganze restliche Buch in Briefform gewählt ist. Ein wunderbares stilistisches Mittel, welches der Leserin erlaubt, die Gefühlswelt von Julia Onken hautnah mitzuerleben und gleichzeitig eigene Geschichten erneut zu erfahren. Die Ohnmacht, die Wut, den Hass, die Trauer wieder zu spüren.

Sie nimmt uns mit auf ihre Reise vom Ende einer Beziehung, die Phasen der Sehnsucht, der Versuch einen neuen Partner zu finden, bis hin zur Transformation.

Sehnsucht

Was machen Frauen, wenn sie vor Sehnsucht vergehen. Sie gönnen sich etwas. Ich fühle mich ertappt, beschämt und belustigt zugleich, wie sich Julia Onken darüber auslässt, dass sich in ihrem Umkreis nur Single-Frauen befinden, die sich ständig etwas gönnen. Und damit ihre Wut und Empörung unterdrücken und sich stattdessen besänftigen. Auch ich gönne mir viel. Diese Sichtweise ist neu für mich. Kann ich hier unterscheiden, ob ich mir etwas Gutes aus Selbstliebe tue, oder ob ich es nur mache, um mich von meinem Schmerz und meiner Trauer abzulenken? Damit ich mich nicht selber fühlen muss?

Die Maskerade

Der 4. Brief kommt mir sehr bekannt vor. Julia Onken beschreibt, wie sie einen Telefonanruf von ihrem Exfreund erhält und ihm das blaue vom Himmel lügt. Wie toll es ihr geht, was für fantastischen Sex sie gerade hat, und wie locker und leicht das Leben für sie ist. Kein Wort vom durchheulten Wochenende und der Tatsache, dass sie ihn unglaublich vermisst. Auch mir sind diese Züge, die unabhängige und coole Frau zu spielen, auch wenn es mich innerlich zerreißt, nicht fremd. Lieber noch das letzte bisschen Stolz bewahren, als nur ein bisschen Gefühl zuzugeben. Von der Außenperspektive erscheint mir dieses Verhalten plötzlich grotesk und furchtbar traurig.

Aufgehübscht und sitzengelassen

Ach wie peinlich, dass ich mich auch in der nächsten Situationsbeschreibung in Teilen wiederfinde. Einige Wochen später geht es der Autorin wieder besser und sie fängt an, sich wieder mit Männern zu treffen. Dabei verabredet sie sich zunächst für ein nettes Essen in einem schicken Restaurant. Kurz vor dem Date rief der Mann an, es würde etwas später werden, und sie verschoben ihr Treffen, auf eine kleine Pizzeria. Einige Zeit danach rief er erneut an, er würde es erst sehr spät schaffen. Sie zeigte Verständnis und sie verabredeten sich in ihrer Wohnung. Trotzdem freute sie sich auf das Treffen, putze noch etwas ihre Wohnung und richtete sich her. 19 Uhr tauchte er nicht wie verabredet auf. Sie wartete und wartete. 21.30 Uhr war er endlich da. Er erzählte ihr von seinen Geschäften und plötzlich schrillte sein Telefon. Er musste sofort aufbrechen.

„Da saß ich also, frisch geduscht und mit köstlichen Essenzen eingeölt, weder allzu sachlich nüchtern noch zu plump verführerisch gekleidet. Hatte die Wohnung säuberlich aufgeräumt, hatte größtes Verständnis für seine verschiedenen Zeitverschiebungen gehabt, war eine artige Zuhörerin gewesen, und doch ging alles daneben. Das nächste Mal muss ich es eben noch besser machen, das war mir klar.“

Schmerzlich spielte sich vor meinem inneren Auge die eine oder andere Szene ab.

Erheitern konnten mich auch ihre weiteren Ausführungen zu anderen Dates und schlechtem Sex nicht wirklich. Ich spürte meine Trauer und mein Bedauern.

Erotische Reize als Ersatzanerkennung

Im zweiten Teil des Buches zieht Julia Onken den Bogen ihrer Beziehungen zu Männern zu der Beziehung zu ihrem Vater. Wie sie sich als Kind oft nicht gesehen von ihrem Vater gefühlt hat und stets um seine Aufmerksamkeit kämpfte. Später, als sie in die Pubertät kam und ihr auffiel, wie Männer erstmals auf ihre Reize reagierten. Wie sie hungrig diese Aufmerksamkeit aufsaugte und sich immer mehr davon abhängig machte. Ich strahle Sex aus, also kriege ich Resonanz.

Im Anschluss beschreibt Julia Onken die verschiedenen Töchter-Typologien, in welchen sich die meisten Frauen, so oder in verschiedenartigsten Mischformen, wiederfinden können. Natürlich trifft dies, wie sie auch erläutert, nicht auf alle Frauen zu. Aber, wie ich auch in dem Feedback zu meinen Blogartikeln lesen kann, sind nicht wenige Frauen von diesen Verhaltensmustern betroffen.

Die Rolle des Vaters auf unseren Selbstwert

In der Erforschung der Auswirkungen der Kindheit auf unsere heutige Persönlichkeit hat man sich bisher hauptsächlich auf die Bedeutung der Mutter konzentriert. Die Mutter, die dich in der Regel bejaht und dir eine positive Resonanz gibt, die dich und dein Wesen bedingungslos liebt. Für Männer ist dies oft der erste Kontakt zum anderen Geschlecht und sie beziehen ihr fast unerschöpfliches Selbstbewusstsein daher.

Kennt ihr diese Männer, die genüsslich ihre Plauze streicheln und sich schier für unwiderstehlich halten? Dagegen gibt es kaum Frauen, die sich 100 Prozent so annehmen, wie sie sind. Immer gibt es Optimierungspotenzial.

Die gegengeschlechtliche Antwort bei kleinen Mädchen kann nur vom Vater kommen. Die bejahende Resonanz vom Vater speichert das kleine Mädchen in jeder Zelle ihres Körpers ab und fühlt sich somit als Wahrgenommen vom anderen Geschlecht. Fehlt diese positive Antwort, wird das Mädchen sie immer unbewusst als negatives Grundmuster für ihre Weiblichkeit einspeichern. Vielleicht fühlt es sich deswegen auch für viele Frauen so furchtbar an, wenn sie beim Sex nicht gesehen werden?

Gründe für diese fehlende Resonanz können vielfältig sein. Vom schieren Desinteresse des Vaters oder der zu großen Anstrengung Verantwortung zu übernehmen, weil eigene Bedürfnisse beschnitten werden. Bis zum nicht Können, weil die Männer selber entweder nie gelernt haben Emotionen zu zeigen oder auch weil sie zeitlich zu sehr eingebunden sind, um beruflich erfolgreich zu sein.

Hinzu kommt auch noch, dass bereits die Mütter unter diesem Verhalten leiden und versuchen den Mangel zu kompensieren und die kleinen Töchter zu trösten. Aber einen Mangel durch Trösten zu kompensieren ist etwas deutlich anderes als ihr Wesen zu bejahen. So werden beide eher zu einer Leidensgemeinschaft. Und ihr Unmut über das Verhalten des Vaters, wird sich unbewusst auch auf das kleine Mädchen übertragen, auch wenn sie es noch so sehr versucht vor ihr zu verstecken.

Die Töchtertypologien

Um nicht das gesamte Buch vorwegzunehmen, möchte ich die Töchtertypologien nur kurz anschneiden.

Die Gefalltochter

Zu den Grundbedürfnissen aller Kinder gehört, dass sie geliebt und wertgeschätzt werden möchten. Das kleine Mädchen wird den Vater also genau beobachten und registrieren, was seine Aufmerksamkeit am meisten weckt. Sie wird versuchen durch gefälliges Verhalten und hübsches Aussehen seine Resonanz zu erhalten. „Ich gefalle, also bin ich.“ Gefalltöchter besitzen oft ein negatives Bild von sich selbst und versuchen es loszuwerden, indem sich ständig versuchen, Männern zu gefallen.  Sie haben oft die Beziehung zu sich selbst und ihrem Körper verloren und nähren sich durch die Aufmerksamkeit von außen.

Diese Frauen haben oft auch ein gespaltenes Verhältnis zu ihrer Sexualität. Auch wenn sie eindeutig reizvolle Signale geben, bedeutet dies nicht zwingend, dass sie auch wirklich Lust haben. Sie sind fixiert auf das Begehrt werden und können ihre eigene Lust durch den Mangel an Körpergefühl oft gar nicht wahrnehmen.

Die Leistungstochter

Das Verhalten der Leistungstochter ergibt sich oft aus dem Grundmuster, sei tüchtig und erfolgreich, dann wirst du geliebt. „Ich leiste, also bin.“ Sie assoziieren oft das Bild der nicht so starken Mutter, als negatives Beispiel und lehnen somit unbewusst die Weiblichkeit ab. Das Rollenvorbild ist somit der Vater. Über gute Leistung erhalten sie seine Aufmerksamkeit. Oft werden sie sogar von den Vätern zur Leistung gefördert. Damit verliert auch die Leistungstochter immer mehr Bezug zu ihrem Körper und ihrer Gefühlswelt. Die Leistung steht über allem. Da sie keine Resonanz bekommt, wenn sie nicht leistet, verinnerlicht sie das Gefühl, immer leisten zu müssen. Und so, wie sie ist, nicht wertvoll genug zu sein.

Die Trotztochter

Als letztes die Trotztochter, die für sich die Strategie entwickelt hat: „Ich spüre Widerstand, also bin ich.“ Ihr ist es oft egal, ob die Resonanz durch den Vater positiv und negativ ist. Wichtig ist ihr nur, dass sie überhaupt seine volle Aufmerksamkeit erhält. Oft beginnen ihre Sätze mit „Nein“ oder „Ja, aber“. Die Trotztochter kann durchaus sehr erfolgreich werden, ist sie es doch gewohnt, ständig im Widerstand zu sein. In Liebesbeziehungen sägen Trotztöchter leider oft an dem Ast, auf dem sie sitzen, da sie ständig den Konflikt provozieren.

Schwesternstreit und deren wahrer Hintergrund

Im letzten Absatz beschreibt Julia Onken noch, warum es zu Unstimmigkeiten zwischen Frauen kommt. Die Gefalltochter möchte die Schönste sein, die Leistungstochter stempelt sie als dumm ab und interessiert sich nur dafür, wer am erfolgreichsten ist. Die Trotztochter hat für beide kein Verständnis und will nur wissen, wer sich am besten durchsetzen kann.

Solange die Töchter um die Gunst des Vaters buhlen, entsteht tatsächlich ein Schwesternstreit. Erst wenn der endlose Pfad, der nie zur Vaterliebe geführt hat, aufgegeben wird und die Frau sich auf ihre eigene Quelle besinnt, dann gelingt es, sich zu vereinen und die Kraft aus sich selbst zu schöpfen.

Aus diesem Grund kann ich nur jeder Frau Frauenkreise empfehlen. Darin geht es darum, sich miteinander zu verbinden, Gefühle wieder wahrzunehmen, sich selbst zu spüren. Und nicht um sich gegenseitig gegen die Männer zu verbinden.

Resümee

Insgesamt kann ich das Buch von Julia Onken jeder Frau ans Herz legen, die ihre unbewussten Verhaltensmuster verstehen möchte und sich selbst wieder liebevoller annehmen möchte. Ich hatte unglaublich viele Aha-Effekte und kann so mein manchmal merkwürdiges Verhalten besser reflektieren. Dies ist Grundvoraussetzung, um ein Verhaltensmuster in der Zukunft ändern zu können. Das einzige, was mir bei diesem Buch am Ende fehlt, sind Handlungsempfehlungen und Strategien, gegen unsere Verhaltensmuster. Wie ich am Besten neue Verhaltensmuster erlerne und diese in mein Leben und meine Beziehung integriere.

 

Hier findest du das Buch:

“Vatermänner – Ein Bericht über die Vater-Tochter-Beziehung und ihren Einfluss auf die Partnerschaft” von Julia Onken

 

Foto by Caroline Hernandez.

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