Vaginismus – Wenn Sex nur unter Schmerzen möglich ist

Sexuelle Funktionsstörungen sind oft mit großer Scham behaftet. Kaum eine Betroffene spricht darüber und so herrscht oftmals Unwissenheit und Hilflosigkeit. Lust – Liebe – Heilung möchte aufklären und betroffenen Frauen Hilfsmöglichkeiten aufzeigen. Aus diesem Grund bin ich unendlich dankbar, dass ich Rike aus Hamburg für ein intimes und tabuloses Interview über Vaginismus gewinnen konnte. Sie spricht über ihren Leidensweg und gibt mutig ihre Erfahrungen weiter. Aber lies selbst:

Für alle, die es noch nicht gehört haben. Was ist Vaginismus eigentlich?

Vaginismus ist eine Verkrampfung des Beckenbodens, sobald man versucht irgendetwas einzuführen. Also die Muskeln reagieren auf die Penetration. Es ist eigentlich eine Schutzfunktion, bei der sich dann alles zusammenzieht und nichts hineinlassen möchte.

Vaginismus ist bei manchen Frauen schon immer dagewesen, so wie zum Beispiel bei mir. Bei anderen Frauen entsteht es durch ein Ereignis, irgendetwas was passiert ist, was es ausgelöst hat.

Und nichts einführen heißt dann auch Tampons oder so?

Ja, genau. Also bei manchen Frauen ist es gar nicht möglich irgendetwas einzuführen. Bei einigen geht es, dann aber nur unter Schmerzen.

Wann hattest du die ersten Probleme mit Vaginismus? Wann ist es dir das erste Mal aufgefallen?

Ja, also das erste Mal als ich einen Tampon versucht habe einzuführen. Bei einem meiner ersten Regelzyklen eigentlich. Da war ich glaube ich 13. Vielleicht 14.

Und was hast du da gedacht? Dass du dich vielleicht erstmal zu blöd anstellst?

Naja, es war eh schon eine komische Situation. Ich war im Urlaub mit meinen Eltern. Davor hatte ich schon ein paar Mal meine Tage gehabt, aber noch nie einen Tampon benutzt, sondern bisher nur Binden. Ich habe es dann meiner Mutter gesagt, wir hatten aber nichts da. Sie hatte aber Tampons dabei und meinte, probiere es doch mal damit.

Dann war ich natürlich erstmal so, wie macht man das denn jetzt, wie führt man den Tampon ein? Es war dann eine so komische Situation, weil sie eben dabei war. Sie meinte, komm lass uns jetzt gemeinsam ins Bad gehen, ich erkläre es dir und du machst es dann.

So saß ich halt vor meiner Mutter auf der Toilette und sie hat mir gesagt, mach das mal so und so. Ich habe das irgendwie nicht so richtig hinbekommen, denn der Tampon ging halt nicht rein. Sie meinte dann: „Ja, ich kann das ja jetzt nicht bei dir machen. Ich kann dir nur erklären, wie es geht. Dann musst du eben noch ein bisschen doller drücken.“

Das habe ich auch gemacht und spürte in dem Moment einfach nur einen unfassbaren Schmerz. Als ich ihr das gesagt habe, war sie nur irritiert: „Ja, das kann doch nicht sein. Dann musst du dich mal entspannen und alles loslassen.“

Hattest du schon mal Sex?

Ja, hatte ich. Das erste Mal mit 17. Ich war dann auch irgendwann mit 16 oder so beim Frauenarzt und habe ihr das mit den Schmerzen beim Einführen der Tampons erzählt. Die Untersuchung beim Frauenarzt war auch eher schmerzhaft. Sie meinte dann nur zu mir: „Es kann sein, dass das anfangs erstmal normal ist. Bei manchen ist es halt so und das legt sich dann automatisch nach einem Jahr.“

Und dann hatte ich ja meinen Freund und nach einem halben Jahr haben wir es auch das erste Mal zusammen miteinander probiert. Und es ging halt nicht. Also, es war halt genauso schmerzhaft. Wenn nicht sogar noch schlimmer. Ist ja auch ein größerer Umfang als ein Tampon. Im Bestfall. Sie lacht.

Im Normalfall. Ja, und dann ging das aber nach einem Jahr und nach zwei Jahren auch noch nicht weg.

Ihr hattet dann trotzdem Sex, aber unter Schmerzen?

Ja, wir haben es immer mal wieder probiert. Aber ehrlich gesagt, auch immer wieder schnell abgebrochen. Es hat einfach nicht, ja, es ging nicht. Die Beziehung dauerte so zwei Jahre und das letzte halbe Jahr ging dann gar nichts mehr.

Danach hatte ich dann noch einen Freund so drei Monate lang und mit dem habe ich es dann einfach gemacht, obwohl ich Schmerzen hatte. Na klar, dann hat man auch den Gedanken, man möchte es ja auch für ihn machen und er soll es ja auch genießen können. Es geht ja nicht nur um mich. Und ich habe dann eben zurückgesteckt und wollte sozusagen mit dem Kopf durch die Wand.

Genauso bei meinem dritten Freund. Er war schon erfahrener. Mit ihm habe ich viel mehr ausprobiert, auch mal unterschiedliche Stellungen. Wir hatten Sex auch immer unter Schmerzen, aber irgendwann wurde es immer besser. Es wurde immer weniger. Wir haben es immer erst sehr langsam probiert. Einführen so nach und nach nur.

Es wurde dann eben besser, bis es sogar zwei oder drei Male gab, wo es komplett weg war. Und das war eigentlich das erste Mal, wo ich gespürt habe, wie sich Sex eigentlich anfühlen kann, wenn kein Schmerz da ist. Sondern, wo man den Sex genießen kann. Wie schön das dann auch sein kann.

Und witzigerweise war es dann aber halt so, nach diesen zwei, drei Mal, wo es gut geklappt hat, ohne Schmerzen, dass ich plötzlich eine Pilzinfektion bekommen habe. Danach war alles wieder wie davor.

Und im Nachhinein glaube ich jetzt, dass mir mein Körper da sagen wollte, wenn du so nicht mehr auf mich hörst, dann muss ich es eben auf eine andere Art und Weise probieren, dich davon abzuhalten.

Seitdem hatte ich eigentlich auch nie wieder Sex ohne Schmerzen.

Jetzt habe ich eigentlich seit 2012, also seit 6 Jahren, keinen penetrativen Sex mehr gehabt.

Aber ist es nicht besser als schmerzhaften Sex zu haben?

Auf jeden Fall. Ich habe ja auch irgendwann eine Therapie angefangen. Ähm, es war schon eine Sexualtherapie eigentlich, aber in dem Jahr ist halt sonst noch sehr viel privat passiert, weshalb wir erstmal ganz viele andere Themen besprochen haben. Das spielt ja dann da auch mit hinein.

Nach einem halben Jahr bis Jahr haben wir dann eigentlich erst angefangen, das Thema Vaginismus anzugehen. Erstmal haben wir nur darüber gesprochen. Wo kommt das eigentlich her, was ist das überhaupt, was hat das auch für eine Funktion. Und so lernt man den Vaginismus zu verstehen.

Danach geht es weiter mit Spiegelübungen. Sich unten herum anzuschauen. Alles ohne Bewertung wahrzunehmen. Sich auch mal nackt vor den Spiegel zu stellen, sich anzuschauen, aber nur um zu beschreiben, was sehe ich da. Wie sehen die Rundungen aus.

Anschließend haben wir eine Berührungsübung gemacht, wo man sich mit der Hand über den ganzen Körper streicht und dann beschreibt, wie fühlt sich das aus der Sicht der Hand an, wie fühlt es sich aus Sicht des Körpers an.

Irgendwann ging es damit weiter, mal einen Finger einzuführen. Dann gibt es beispielsweise Dilatatoren in verschiedenen Größen. Dilatatoren sind meistens aus Edelstahl. So Stäbe im Prinzip wie Vibratoren, aber ohne elektrische Funktion. In verschiedenen Durchmessern, die man sich einführen kann und so anfängt, sich daran zu gewöhnen. Das dann jeden Tag. Naja, vielleicht nicht jeden Tag, aber mehrmals die Woche zu machen.

Wir haben angefangen mit einer Größe, die glaube ich einen knappen Zentimeter im Durchmesser hatte. Wenn es dann mit der ersten Größe irgendwann geht, dann wird die nächstgrößere ausprobiert und so weiter. Dabei muss man ganz doll darauf achten, wo ist meine Grenze, wo fängt es an, ein minimal unangenehmes Gefühl zu werden.

Da gibt es dann auch eine Skala von Null bis Zehn. Bei Eins, Zwei und Drei ist es noch erlaubt, da ist es quasi nur ein bisschen ungewohnt. Es ist ein bisschen Engegefühl da oder eben einfach ein ungewohntes Gefühl. Aber sobald es dann anfängt irgendwie unangenehm zu werden, sei es nur durch minimales Brennen, sollte man sofort in sich hineinhorchen und den Dilatator erstmal an der Stelle stehen lassen. Warte ein paar Sekunden ab, probiere es dann erst weiter. Entweder es geht dann oder nicht.

Sobald man ein Brennen spürt, soll man die Übung aufhören. Und das kann eben sehr, sehr, sehr nervenaufreibend sein. Man möchte natürlich, man hat ein gewisses Ziel im Kopf… Man hat so einen gewissen Ehrgeiz und möchte ja, dass das irgendwann funktioniert. Aber wenn du mit der Denke rangehst, dann ist halt wieder Druck dahinter und das rauszukriegen ist super, super schwer.

Ja, und somit bin ich da auch echt manchmal mega verzweifelt gewesen, weil ich irgendwie einfach nicht vorwärtskam und keine Besserung gesehen habe. Ich habe dann aber auch relativ schnell verstanden, weil mir das meine Therapeutin so klar gemacht hat, dass es nicht ist wie „ich will die Bundesjugendspiele gewinnen“. Da steckt ja sonst dieser Ehrgeiz und dieses ich muss etwas leisten dahinter. Eher „ich bin auf einem Spielplatz, ich lerne das spielerisch kennen. Und ich verbinde Lust jetzt nicht mehr mit Leistung, sondern mit Spaß.“

Es wurde dann irgendwann auch ein bisschen besser, aber kurz nachdem wir mit den Dilatatoren angefangen hatten, war die Therapie schon vorbei. Sie hat mich mit einem guten Gefühl entlassen und ich sollte die Übungen dann zu Hause weiter machen. Das habe ich dann aber zu Hause nicht mehr gemacht, weil es eben doch noch nicht so geklappt hat, wie ich wollte. Und naja, wenn du eben nicht in einer Beziehung bist, dann hast du im Alltag auch nicht mehr so die Motivation es unbedingt zu machen, denn der Vaginismus schränkt dich im Alltag nicht ein.

Ich habe dann irgendwann keine Tampons mehr benutzt, weil seit dieser Therapie war es eigentlich klar, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, ist nicht der Weg. Mache nur das, was für dich angenehm ist und höre auf deinen Körper. Das ist eigentlich das wichtigste. Nur dann kann es irgendwann anders werden, kannst du etwas verändern.

Kurz nach der Therapie hatte ich nochmal jemanden kennengelernt, bei dem ich auch das Gefühl hatte, ich muss es jetzt machen, weil sonst will der mich nicht mehr oder so. Dann hatten wir also Sex unter Schmerzen und ich habe mich danach super schlecht gefühlt, weil ich meinen Körper wieder übergangen hatte, obwohl ich es eigentlich nicht mehr wollte.

Seitdem habe ich keinen klassischen Sex mehr gehabt. Achtsamkeit ist inzwischen der wichtigste Wert überhaupt für mich.

Wie bist du damit zunächst umgegangen? Hast du den Vaginismus als etwas krankhaftes identifiziert?

Also es ist ja keine Krankheit. Es ist ja eigentlich eine Schutzfunktion des Körpers. Krankheit ist immer so ein bisschen negativ behaftet. Man sollte den Vaginismus nicht mit irgendetwas negativen in Verbindung bringen. Ich kann eigentlich meinem Körper dankbar dafür sein, dass ich das habe.

Obwohl es natürlich irgendwie absurd ist. Und man muss erstmal an den Punkt kommen, wo man so denken kann. Man hat ja durchaus das Gefühl, man ist nicht normal. Ich bin nicht normal, ich bin irgendwie anders als andere Frauen und mein Körper funktioniert nicht so, wie er sollte. Man hat also eher das Gefühl, das ist keine Krankheit, aber irgendsoeine Abnormalität.

Ich habe das damals mal meiner Therapeutin so beschrieben: Wenn ich jemanden neu kennen lerne, dann ist es für mich immer so ein Gefühl, als würde ich irgendwo in einen Laden gehen und ich würde irgendwie eine Ware kaufen und würde mich voll darauf freuen, diese zu Hause auszupacken. In diesem Fall bin ich jetzt der Verkäufer. Ich verkaufe jemandem die Ware, er geht nach Hause, packt sie aus und sieht, dass die Ware beschädigt ist. Ich als der Verkäufer, der eben schon von vornherein weiß, dass er eine defekte Ware verkauft. Und der Käufer, der sich dann im Nachhinein denkt, „Na toll, was habe ich mir denn da angelacht“

Meine Therapeutin hat damals gesagt: „Ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie sich gerade mit einem Stück Ware verglichen haben?“

So hatte ich das noch gar nicht gesehen. Aber erstmal aus diesem Denken herauszukommen war ein langer Weg. Ich bin ja viel mehr als das. Ich bin ein Charakter, ich habe die und die und die Eigenschaften, die super toll sind und es geht nicht immer nur darum, dass irgendwie beim Sex die Penetration alles ist. Dass das alles irgendwie funktionieren muss. Das macht ja nicht den Menschen aus. Das musste ich natürlich auch erst einmal lernen.

Andererseits kann ich es immer noch nicht hundertprozentig so annehmen und glauben, dass ein Mann sich freiwillig auf jemanden einlassen kann, wo er genau weiß, ja meinen Penis kann ich da jetzt aber nicht reinstecken.

Immer wieder, wenn ich so mit Menschen oder auch mit Freundinnen über Sex spreche, die davon zum Beispiel nichts wissen, erscheint Sex mit als das Wichtigste. Letztens hat mir eine Freundin gesagt: „Naja, ich habe auch irgendwie bei meinem Dating das Gefühl, der Mann verliebt sich erst, wenn er mal Sex mit einem hatte.“ Das triggert dann wieder so diesen Glaubenssatz, “Ja, dann bin ich ja schon mal nicht gut genug”.

Eine andere Freundin, die von dem Vaginismus weiß und zwischenzeitlich auch ähnliche Probleme hatte, hat mir empfohlen, dass wenn ich jemanden neues kennenlerne, ich nicht gleich sagen soll, Sex funktioniert bei mir nicht und es wird nie gehen. Ich sollte ihm doch eher in Aussicht stellen, dass es irgendwann vielleicht doch mal geht. Weil das ja für einen Mann super, super wichtig ist. Das ist dann für mich aber trotzdem so ein Gefühl wie, ja toll, aber ich weiß halt nicht, ob es jemals funktionieren wird.

Funktionieren ist auch immer ein blödes Wort, weil es impliziert gleich wieder dieses leisten müssen.

Gehst du inzwischen damit offen um, wenn du jemanden neu kennen lernst?

Das ist immer wieder das schwierigste von allem. Ich habe jetzt auch seit zwei Jahren gar nicht mehr gedatet und davor war das halt immer eine super unangenehme Situation, weil ich nie wusste, wann soll ich es sagen.

Soll ich es jetzt sagen, wenn sich vielleicht bei einem der ersten Dates, wo noch nichts körperlich gelaufen ist, ein Gespräch in die Richtung ergibt? Vielleicht, wenn man dann über Vertrauen und Beziehungen spricht?

Oder soll ich dann irgendwie damit anfangen und den Vaginismus erwähnen, wenn wir gerade dabei sind uns dem Bett zu nähern? Sage ich dann irgendwann, „Stopp, ich muss dir da noch etwas sagen“, was aber auch eine sehr unangenehme Situation ist.

Ich habe den Vaginismus eigentlich immer erst erwähnt, wenn man sich dann nähergekommen ist. Also es gab/ gibt natürlich auch Männer die merken, an der Körpersprache schon, ok, irgendwie ist sie unruhig oder sie kann sich jetzt dem gerade nicht so hingeben. Irgendetwas ist da los. Manche haben auch schon nachgefragt und angesprochen, dass sie das Gefühl haben, dass ich das jetzt gerade nicht so will und was denn los ist. Dann habe ich in der Regel erst damit angefangen über den Vaginismus zu sprechen.

Von mir aus manchmal nur, wenn ich das Gefühl hatte, der Typ checkt das gar nicht. Und wenn es weiter geht, dann steckt er gleich irgendetwas unten rein. Ich muss da jetzt Stopp sagen.

Naja, und es war dann halt immer eher unangenehm. Die meisten kannten Vaginismus gar nicht und hatten vor mir noch nie etwas davon gehört. Das ist ja immer so, dass voll viele, halt auch Frauen, gar nicht wissen, dass es so etwas überhaupt gibt. Ich habe dann erklärt, wie es sich für mich anfühlt. Und wie das halt so ist. Bei manchen bin ich auch, weil ich es natürlich auch eine Zeit gab, wo ich mich wenig annehmen konnte, sofort in Tränen ausgebrochen. Ich mochte dann überhaupt nicht über den Vaginismus reden.

Und ich habe mich auch immer gefragt, wie machen das eigentlich andere Menschen, die das haben. Man hat ja in der Regel in seinem Umfeld niemanden. Also klar, man spricht eben nicht offen mit den Menschen darüber und so, weiß man ja auch oft einfach nicht, hat es mein Gegenüber vielleicht auch gerade. Wer weiß.

Ich habe auch die Erfahrung gemacht, umso öfter ich jetzt mit Menschen darüber spreche, desto eher kommt dann auch mal etwas von ihnen zurück. Und selbst wenn sie, keine sexuelle Funktionsstörung haben, haben sie vermutlich irgendetwas anderes, was bei ihnen nicht klappt. Ich merke dann, dass ich nicht alleine bin. Eigentlich ganz schön.

Welcher Schutz für deinen Körper ist das? Was glaubst du, wovor dich dein Körper schützen möchte? Weil wenn du die Ursache dafür finden würdest, habe ich zumindest die naive Vorstellung, dann könntest du ja auch…

Habe ich auch gedacht. Vor ein paar Jahren habe ich mich entschlossen noch einmal eine zweite Therapie zu machen. Innerhalb dieser Therapie konnten wir eigentlich zum ersten Mal so richtig festmachen, woran es liegen könnte. Bei mir gibt jetzt nicht das Ereignis, was den Vaginismus ausgelöst hat. Bei mir sind es viele Sachen, die oft mit Grenzen setzen zu tun haben.

Mir fiel es zum Beispiel immer schwer meine Bedürfnisse zu äußern und irgendwie auch zu sagen, dass geht mir jetzt zu weit. Das möchte ich jetzt nicht. Oder auch, das möchte ich jetzt. Mir fiel es schwer Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Auch beim Sex das Selbstbewusstsein zu entwickeln, um zu sagen, ich mag das und das, mach mal bitte das und jenes. Und in den letzten neun Jahren hatte ich ja auch keine Beziehung mehr, wo ich das hätte üben können. Wo genug Vertrauen zum Partner da ist und ich offen darüber sprechen kann.

Naja, und wegen dem geringen Selbstbewusstsein fiel mir es eben schon immer schwer zu sagen, was ich möchte. Ich habe dann eher die Klappe gehalten. Quasi an den anderen die Kontrolle abgegeben. Im Sinne von, ja ok, dann entscheidet der jetzt halt. Dann aber auch in dem Moment zu wissen, ich kann da gerade auch gar nicht darüber kontrollieren. Ich glaube das hat auch dazu geführt, dass mein Körper zumacht und irgendwie sagt, nee, ich übernehme halt für dich, so dass diese Schutzfunktion entstanden ist.

Auch meine Mutter hat oft meine Grenzen überschritten. Für meine Mutter war es zum Beispiel selbstverständlich und normal, dass sie einfach ohne anzuklopfen ins Bad hereinkam, egal ob wir nun auf Toilette saßen oder etwas anderes im Bad gemacht haben.

Ich hatte damals das Gefühl, ich darf jetzt das nicht sagen, auch wenn mir das gerade unangenehm ist. Ich darf das jetzt nicht sagen, weil das ja normal ist. Und ich habe dann halt nie gesagt, hier ist meine Grenze und bitte nicht weiter.

Dazu kommt auch noch, dass ich ein sehr sensibler Typ bin und eigentlich erst im letzten Jahr etwas über Hochsensibilität erfahren habe. Mit diesem Wort konnte ich mich sofort identifizieren. Plötzlich lernte ich andere Menschen kennen, wo ich echt das Gefühl habe, wow, krass, also das ist bei mir ganz genauso. Und für diese Menschen ist das normal, einfach normal. Das ist ok.

Ich hatte halt jahrelang irgendwie immer das Gefühl, ich bin nicht normal, ich bin zu sensibel. Meine Mutter hat mir auch in ganz vielen Situationen gesagt. „Oh man Rike, jetzt stellt dich mal nicht so an.“ oder „Oh, du reagierst ja auch immer sensibel.“ Das hat mir immer das Gefühl gegeben, dass es etwas Falsches ist und dass ich mich der Gesellschaft anpassen muss und dass ich einfach zu empfindlich bin.

Und ja, ich wurde da nie so richtig ernst genommen. Und insofern habe ich mich und meine Bedürfnisse dann auch nicht mehr ernst genommen. Oder mich nicht angenommen, so wie ich bin.

Bei mir ist es also wahnsinnig komplex. Es hängt alles miteinander zusammen.

Wenn sich dein Körper verkrampft, was genau spürst du?

Früher als ich noch Sex hatte, da hatte ich immer das Gefühl, wie wenn mir jemand ein Messer unten reinsteckt. Also wirklich extrem schmerzhaft. Es gab Tage, wo es nicht ganz so schlimm war, es gab aber auch Tage, wo es extrem schlimm war. Manchmal konnte ich zwei Tage nach dem Sex nicht sitzen, weil es noch so extrem nachgebrannt hat und geschwollen war.

Wie alt warst du, als du dir zum ersten Mal professionelle Hilfe gesucht hast?

25. Also bis dahin war ich glaube ich bei sieben oder acht unterschiedlichen Frauenärzten. Das schlimme ist eigentlich, dass Frauenärzte oft auch gar nichts darüber wissen. Und das erste, was du natürlich machst, ist zum Frauenarzt zu gehen, um dir Hilfe zu holen.

Meine erste Frauenärztin hatte ja gesagt, dass es normal sei und irgendwann weg geht. Ist es aber nicht. Dann gehe ich zum nächsten Arzt und der sagt, „Jaja, das ist aber nur eine Einbildung“. Der Frauenarzt danach sagte, „Da musst du nur den richtigen Mann treffen, der dir das Gefühl gibt, du kannst dich geborgen fühlen und dann geht das automatisch“. Der übernächste Arzt sagte, „Aber ich kann doch hier das Spekulum einführen und wenn du wirklich Vaginismus hättest, dann könnte ich das gar nicht erst einführen“. Dabei müsste er wissen, dass es eben unterschiedliche Ausprägungen gibt und bei mir geht es halt beim Frauenarzt komischerweise noch am besten.

Eine Ärztin hatte von Vaginismus überhaupt noch nie etwas gehört.

Naja, irgendwann, kam ich dann mal an eine Ärztin die mir dann ein bisschen darüber erzählen konnte und mich an einen anderen Arzt (Dr. med Alexander Braun) verwiesen hat, weil sie wusste, dass dieser sich auf Vaginismus spezialisiert hat. Bei ihm bin ich bis heute. Er hat mir auch zum ersten Mal diese Psychotherapie empfohlen.

Kannst du irgendwie betroffenen Frauen etwas empfehlen? Was hat dir am meisten geholfen?

Es gibt ein Buch von Claudia Amherd, das heißt, „Wenn die Liebe schmerzt“. In diesem Buch sind Übungen beschrieben, welche man eigentlich innerhalb einer Therapie macht. Also zum Beispiel die Berührungsübungen oder auch die Dilatatoren-Übung. Du kannst dann alles in Selbsttherapie machen mit dem Buch.

Claudia Amherd bietet einmal im Jahr auch einen Beckenbodenworkshop an. Dabei geht es nicht darum, den Beckenboden so zu trainieren, dass die Muskeln stärker werden. Obwohl das eigentlich witzig ist, denn ich habe bis dieses Jahr gedacht, dass meine Muskeln einfach zu stark ausgebildet oder trainiert sind.

Auf dem Workshop haben wir dann Muskelentspannungsübungen nach Jacobson für den ganzen Körper gemacht. Da habe ich auch zum ersten Mal den Zusammenhang zwischen meinen „Bauschmerzen“ und meinem Beckenboden verstanden. Ich habe nämlich in bestimmten Situationen, in denen ich mich unwohl gefühlt habe, immer Bauschmerzen bekommen. Aber tatsächlich zieht die Anspannung aus dem Beckenboden einfach bis in den Bauch oder Rücken hoch. Bei der Muskelentspannungsübung lernst du, wieder du aktiv deinen Körper anspannst und entspannst. Das hilft gut, wenn man es regelmäßig macht.

Das Beckenbodentraining kann ich mega empfehlen. Da ist es so, dass man lernen muss, bestimmte Muskeln anzuspannen. Also es ist jetzt nicht, dass du da unten alles zusammenziehen sollst. Das ist jetzt eher der falsche Weg. Sondern, dass es bestimmte Muskeln gibt, die halt eher trainiert werden müssen, damit andere Muskeln, die sich halt fälschlicherweise vorher immer angespannt haben, sich dann dadurch wieder lockern können. Das schwierige ist halt eigentlich immer, da dann eine Regelmäßigkeit reinzubringen und das dann auch wirklich zu Hause zu machen.

Was ich dann noch relativ neu ausprobiert habe ist das Yoni-Ei. (Anmerkung: Artikel über das Yoni-Ei folgt noch). Zuerst habe ich das Yoni-Ei nur so ein paar Stunden ausprobiert. Erstmal nur am Abend. Letztens sogar mal den ganzen Tag über. Und irgendwie habe ich das Gefühl, auch wenn man vielleicht daran glauben muss, dass der Stein eine heilende Wirkung hat. Es bewirkt etwas bei mir. Und das Yoni-Ei hilft ja auch den Beckenboden zu entspannen.

Wir hatten ja jetzt schon öfters, dass Vaginismus eine Schutzfunktion des Körpers ist, aber kannst du dem ganzen ehrlich etwas Positives abgewinnen?

Also im Endeffekt hilft es einfach den Vaginismus aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und sich zu überlegen, warum kann ich dafür dankbar sein, dass ich den Vaginismus habe.

Hätte ich den Vaginismus nicht gehabt, hätte es mich vermutlich nicht so dazu gezwungen, mich mit mir auseinander zu setzen. Ich wäre dann wahrscheinlich auch gar nicht so Richtung Persönlichkeitsentwicklung gekommen und hätte mich damit beschäftigt.

Ich habe auch in der Therapie unglaublich viele Erkenntnisse über mich gesammelt und gelernt meine Verhaltensmuster zu verstehen, die ich in den letzten Jahren, auch im Dating, gehabt habe. Und das hat mir halt mega viel weitergeholfen. Und da wäre ich halt nicht hingekommen.

Ich glaube ich wäre nicht an dem Punkt, wo ich jetzt bin, hätte ich diese Schutzfunktion nicht gehabt. Und so ist es im Endeffekt ja auch etwas Positives. Es ist Fluch und Segen zugleich so ein bisschen.

Möchtest du zum Schluss noch etwas ergänzen, was dir wichtig wäre mitzugeben oder wenn dir noch etwas auf dem Herzen liegt?

Ja, das schlechteste was man machen kann, ist eigentlich sich zurückzuziehen und mit niemanden darüber zu sprechen. Da kriegt man das Gefühl, ich bin falsch, und ich funktioniere nicht. Das habe ich auch längere Zeit gemacht und es ist nicht so förderlich, um da irgendetwas aufzulösen.

Es ist wichtig, dass man sich Hilfe holt. Das man eben alle möglichen Sachen versucht. Manchen Betroffenen hilft es, wenn sie Sitzbäder machen und manchen hilft das Yoni-Ei. Das ist ja ganz unterschiedlich.

Mir hat es auch geholfen, mich engen Freunden anzuvertrauen und mich mit anderen betroffenen Frauen im Internet darüber auszutauschen. Vielleicht findet man auch eine Selbsthilfegruppe.

Natürlich spiegelt dir der Austausch mit anderen Betroffen nochmal dein Leid wider, aber trotzdem kann man sich gegenseitig inspirieren und sich austauschen, was hat dir geholfen, was hat mir geholfen. Dann hat man einfach das Gefühl, man ist damit nicht alleine. Das hilft sehr.

Das klingt sehr schön. Vielen, vielen Dank liebste Rike für dieses unglaublich ehrliche und offene Interview! Ich hoffe es kann anderen betroffenen Frauen helfen!

Im Anschluss an unser Interview hat sich ergeben, dass der Vaginismus von Rike wahrscheinlich eine Reaktion auf Vulvodynie ist. Daher ist es sehr wichtig, dass betroffene Frauen ihre Symptome besser darauf eingrenzen, wo es genau weh tut. Aufgrund dieser neuen Erkenntnisse, werden wir ein weiteres Interview über Vulvodynie führen.

 

Du glaubst du könntest von Vaginismus betroffen sein? Hier findest du alle im Artikel genannten Quellen zusammengefasst:

Dilatatoren

Gynäkologen: Vaginismus  – Dr. med Alexander Braun, Vulvodynie – Prof. Dr. med Werner Mendling

Buch “Wenn die Liebe schmerzt” von Claudia Amherd

Beckenbodenworkshop von Claudia Amherd

Yoni-Ei

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