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Die Jugend und Ablehnung von Behaarung

Das erste Mal, dass ich hörte ich sei eklig war mit 14 Jahren. Wir trafen uns wie jeden Tag mit unserer Clique auf dem Sportplatz. Es war Sommer, es war brühend heiß. Meine Freundin und ich hatten uns die Beine rasiert, die Zehennägel lackiert und saßen nun im Schneidersitz auf einer Steinbank. „Das ist so widerlich, kannst du dich nicht rasieren?“ rief mir plötzlich einer der Jungen herüber. Gelächter folgte. Meine Freundin murmelte mir zu, „Man kann deine Schamhaare ein bisschen sehen.“ Verstört blickte ich zu den Jungs und setzte mich mit überkreuzten Beinen auf die Bank. Ich schämte mich zu Tode. Von nun an stutzte ich meine Schambeharrung und achtete penibel darauf die Bikinizone haarfrei zu halten. Mit 16 wurde ich von einer Freundin darauf hingewiesen, dass man unter meinen Achseln schon Stoppeln sehe, und dass ich mich mal wieder nachrasieren müsste. Beschämt stimmte ich ihr zu, dass ich wenig Zeit die letzten Tage hatte. Ich war 18 als mir mein Schwarm endlich näher kam. Wir hatten eine ausgefallene Partynacht hinter uns und ich begleitete ihn zu sich nach Hause. Wir küssten uns und liebkosten uns. Er zog mich langsam aus. Wir hatten Lust auf mehr. Meine Frage nach einem Kondom musste er jedoch nach ergebnisloser Suche verneinen. So vertröstete ich ihn, wir tranken noch zusammen ein Bier und ich verließ seine Wohnung. Ein paar Tage später erzählte mir eine gemeinsame Freundin, dass sie bei einer Männerrunde bei ihrem Bruder, meinen Schwarm über mich sprechen hörte. Wie sehr es ihn ärgere, dass er mich nicht abschließend ins Bett kriegen konnte. Er lachte darüber wie haarig ich doch gewesen sei. Ich nahm mir das sehr zu Herzen. Ab jetzt rasierte ich mich komplett blank. Die ersten Tage fühlten sich noch sehr mehrwürdig an, irgendwie fühlte es sich an, als sei ich wieder 10 Jahre. Aber es war mir wichtiger zu gefallen. Also rasierte ich und rasierte ich und rasierte ich.

Nicht alle Männer finden Schambehaarung schlimm

Mit 22 Jahren lernte ich im Studium meine erste große Liebe kennen. Wenn man sich so lange kennt und so viel Zeit miteinander verbringt, dann ist man nicht immer perfekt gestylt. Dann hat man auch mal Lust, wenn die letzte Rasur schon drei Tage her ist. Ich beichtete ihm, dass ich gerne mit ihm schlafen würde, aber es nicht geschafft hatte, mich während des Prüfungsstress zu rasieren. Ihm war das egal. Das war neu für mich. Er liebte mich, ob nun mit oder ohne Haare. Trotzdem fühlte ich mich dann nie wirklich wohl. Zu tief saß die Scham. Besonders schlimm war es, wenn er mich dann oral befriedigen wollte. Ich konnte kaum richtig entspannen. Immer hatte ich Angst, dass er meine Härchen unangenehm finden würde.

Enthaarung als Exzession

Rasieren nervte mich, die Haare wuchsen einfach viel zu schnell nach. Also versuchte ich es zunächst mit Enthaarungscremes. An den Beinen funktionierte es ganz gut und hielt die Haare auch etwas länger in Schach als nach dem Rasieren. In der Intimzone und unter den Achseln brannten die Cremes jedoch. Außerdem fand ich es furchtbar aufwendig. Die Creme musste an die 10 Minuten einwirken und ich stand nackt und frierend im Bad. Danach das Entfernen mit dem beigelegten Spachtel. Es produzierte Berge an Müll. So suchte ich also weiter nach alternativen Methoden. Ich testete Epeliergeräte. Die waren schon an den Beinen so schmerzhaft, dass ich mich gar nicht in die Nähe meiner Achseln oder Bikinizone traute, ganz zu schweigen vom Intimbereich. Als nächstes testete ich Waxing. Da gibt es Kaltwachsstreifen und Warmwachs für zu Hause. Auch bei diesen beiden Alternativen konnte ich mir selber die Schmerzen nur an den Beinen zufügen. Also besuchte ich bald ein Waxing-Studie. Schmerzhaft, aber wie war das, wer schön sein will muss leiden. Nach dem Wachsen kam das Sugaring. Bei dieser Methode werden durch einen klebenden Zuckerklumpen Stück für Stück deine Härchen entfernt. Schmerzhaft, aber nicht ganz so schmerzhaft wie das Wachsen. Trotzdem nervte es mich, dass man alle drei bis vier Wochen einen neuen Termin vereinbaren musste und ich mich eigentlich schon nach zwei Wochen wieder zu haarig fühlte. Und vom vielen Geld, dass ich für meine Enthaarung ausgab, ganz zu schweigen. Aber das Geld war es mir wert. Ich wollte mich schön und begehrenswert fühlen. Als ich so Mitte 20 war, kam eine neue Technologie auf den Markt. IPL – Dauerhafte Haarentfernung per Laser. Sollte ein Traum für mich in Erfüllung gehen? Ich kaufte per Ratenkredit den Philips Lumea, denn die 500 EUR konnte ich mir kaum leisten. Aber ich träumte von einem haarlosen Körper und wenn dieses Gerät ihn mir beschaffen könnte, warum denn nicht? Insgesamt funktioniert der Philips Lumea, wenn man ihn regelmäßig anwendet, ganz gut. Die Haare werden zunehmend weniger und die Schmerzen durch die Laserstrahlen sind marginal im Vergleich zu den gängigen Enthaarungsmethoden. Aber der Nachteil liegt hier im Detail „regelmäßig“. Das IPL-Gerät sollte wirklich fast jede Woche angewendet werden. Minimum alle zwei Wochen, denn umso länger die Pause zwischen den Behandlungen, umso so mehr wuchsen die Haare wieder nach. Und die ganze Prozedur kostet eben unglaublich Zeit. Für eine Behandlung der Beine, Intimzone und Achseln brauchte ich zwischen 30 und 40 Minuten. Danach war der Akku des Gerätes leer und musste erst wieder geladen werden. Zu dem kommt, dass man nach den Behandlungen dann weder in die Sauna, noch in die Sonne darf und die ersten Tag sogar Sport und Schwitzen vermieden werden sollte. Nach einem Jahr hatte ich sprichwörtlich die Schnauze voll. Unglaublich wieviel Zeit man für Enthaarung verschwenden kann. Daher dachte ich mir versuche ich es eben mit professionellen Geräten und gab rund 1.000 EUR für eine Behandlung in einem IPL-Studio aus. Leider mit dem gleichen Ergebnis. Schon ca. vier Wochen nach der letzten Behandlung konnte ich die ersten Haare wieder begrüßen. Frustriert rasierte ich sie weg.

Wie frei ist man als Frau in unserer Gesellschaft?

Ende letzten Jahres stieß ich dann in meiner Facebook-Timeline auf ein unglaublich inspirierendes Video.
Die unglaublich mutige Kristina Lang, die das Experiment wagte, ein Jahr lang ihre komplette Körperbehaarung wachsen zu lassen. Mein Weltbild der „Haarfreien Zone“ wackelte erheblich. Hier stellte sich eine junge, wunderhübsche Frau dem gängigen Schönheitsideal entgegen, und das sogar im Internet. Ich war und bin immer noch zutiefst beeindruckt. Ich fing an mich selber mehr zu reflektieren. Mache ich gewisse Dinge nur, weil man sie von mir erwartet, damit ich nicht aus der Reihe falle, dass ich begehrt und geliebt werde? Aber das ist ein langwieriger Prozess. Das geht nicht von heute auf morgen. Man sollte nicht zu viel auf einmal von sich verlangen. Anfang dieses Jahres setzte ich mir die Challenge unrasiert in die Sauna zu gehen. Das war nur einen Monat nach dem ich das Video zum ersten Mal gesehen hatte. Und es war furchtbar. Und gruselig. Und ich habe mich furchtbar geschämt. Wann immer möglich habe ich meine Arme unten gehalten und habe das Badetuch eng um mich geschlungen. Damit es möglich keiner mitkriegt. Aber ich bin wahnsinnig stolz darauf, dass ich es geschafft habe und den Saunabesuch nicht vorzeitig abgebrochen habe.

Menschen lieben dich unabhängig von deiner Körperbehaarung

Und heute? Ja, ich rasiere mich noch immer. Aber nicht mehr so häufig. Ich mag einfach die babyweiche, glatte Haut nach dem Rasieren. Und meine Intimzone rasiere ich nicht mehr komplett. Ich möchte mich als Frau und nicht als Mädchen fühlen. Ich stutze meine Schamhaare nur noch etwas und enthaare die Bikinizone. Und falls ich mal am Strand im Bikini ein Schamhaar nicht erwischt habe (übrigens Scham kommt aus dem lateinischen von pubes, gleich „Unterleib, Schoß“), und sich irgendjemand darüber echauffiert, dann guck halt weg. Und wenn ein Mann mich mit meinen Haaren nicht attraktiv findet, dann hat er eben Pech gehabt. Die Haare gehören zu meinem natürlich Körper und lassen sich eben nicht immer bändigen. Ich bin so viel mehr als meine Körperhaare, oder Nicht-Körperhaare. Und Menschen lieben mich völlig unabhängig davon. Hier findest du: Philips Lumea