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Der Schalter

Nach meinem letzten Blogbeitrag „Endet es nicht sowieso immer im Sex“ erreichten mich unerwartet viele Zuschriften und Kommentare von Frauen, denen „der Schalter“ sehr wohl bekannt ist. Diese innere Abneigung, die sich manchmal in Ekel, manchmal in Angst widerspiegelt.

Man könnte sagen, ja kein Wunder, wenn du den Mann nicht kennst, dann kann ja gar keine tiefe Verbindung entstehen. Wie soll das denn auch bei einem ersten Date funktionieren?

Und doch ist der Schalter vollkommen unabhängig davon, wie lange ich einen Mann kenne. Manchmal spüre ich ihn schon beim ersten Kennenlernen, zuweilen erst nach einigen Monaten oder Jahren Beziehung. Bei einigen wenigen Männern tritt er nie auf.

Das Fleisch ist willig. Der Geist ist schwach.

Kennt ihr diese magische Begegnung mit Menschen, wo ihr die Spannung in der Luft fast greifen könnt?

Wir spielen Billiard. Wir kennen uns jetzt 30 Minuten. Jedes Wort gehört schon zum Vorspiel. Ein Gefecht aus wahrhaftem Interesse und kecken Anspielungen. Wir tänzeln um einander herum, fordern uns heraus.

Ich necke ihn, nur um ihn im nächsten Moment wieder spielend zurückzuweisen. Er schleicht um mich herum, ich gehe an ihm vorbei. Vielleicht einen Tick zu nahe.

Ich kann es kaum erwarten, dass er den ersten Schritt unternimmt.

Schon der erste Kuss und sein Geruch treiben mir die Feuchte in den Schoss. Ein Ziehen baut sich in meinem Unterleib auf. Mein Körper sehnt sich nach mehr. Er braucht diesmal keineswegs überzeugt werden. Mein Körper verlangt. Das Fleisch ist willig. Der Geist ist schwach. Der Raum verschwimmt um mich herum. Ich nehme nur noch ihn wahr. Seine Lippen, seine Zunge, seinen Geruch und verzerre mich nach mehr. Mein Verstand ist vollkommen lahmgelegt.

Unser Unterbewusstsein

Warum ist es manchmal so einfach?

Und warum ist es manchmal so schwer, wenn doch alles perfekt erscheint?

Unser Unterbewusstsein hat gewaltige Macht. Es wird geschätzt, dass nur 0,1 Prozent dessen, was das Gehirn tut, in unser Bewusstsein gelangt.

Und so ist es meinem Körper und meiner Seele egal, wenn ich mir denke, dass wäre doch ein absolut geeigneter Mann. Attraktiv, gebildet, freundlich. Schwiegermamas Liebling. Der Typ zum sofort Heiraten. Das Bauchgefühl rebelliert trotzdem gewaltig, obwohl er sogar gut küssen kann. Meine Vagina schließt sich und lässt sich auch nicht durch viel Geduld und Zeit überreden. Zu ist zu, der Schlüssel ist weggeworfen und nicht aufzufinden.

Manche sagen auch, es sind die Hormone, die da in uns werkeln. Biochemische Prozesse, ausgelöst von unseren Genen, die genau wissen, ob der Gegenüber zu uns passt oder nicht. Sind die Gene verschieden genug, so dass gesunde Nachkommen gezeugt werden können, gibt unserer Körper das Go und wir finden jemand anziehend.

Einige sagen, unsere weibliche Intuition erspürt einfach die tiefe Wahrheit der Absicht eines Mannes. Ob er mit sich selbst im Reinen ist. Ob er selber sinnlich ist und tiefste Freude bei dem spürt, was er macht. Wenn er im Moment ist und den Kuss, die Nähe, den Genuss genauso berauschend empfindet. Oder ob er im Hinterkopf bereits ans Ziel denkt, plant, strategiert und nur ein auswendig gelerntes Programm abruft. Ich lerne zu verführen vs. ich bin die Verführung.

Manchmal spricht man auch von der selben Wellenlänge. Wenn unser Geist und unsere Körper im Einklang schwingen. Wenn Worte fließen, ohne, dass sie gesagt werden. Raum und Zeit verschwinden. Man versteht sich blind. Hat das Gefühl man würde sich schon Jahre kennen und nicht erst wenige Minuten oder Stunden. Das Universum ist rätselhaft und schickt uns Menschen zu dem Zeitpunkt, an dem wir bereit sind, Erfahrungen zu leben. Wir können nichts erzwingen. Nichts ist Zufall. Alles passiert aus einem bestimmten Grund.

Vermutlich ist es irgendwie eine Mischung aus allem.

Negative Empfindungen und Gefühle sollten nicht ignoriert werden

Auf jeden Fall sollten wir die negativen Empfindungen und Gefühle nicht ignorieren. Sie sind ein Warnsignal unseres Körpers und sind aus gutem Grund da. Immer, wenn ich versuche, diese Vorahnungen zu unterdrücken, erteilt mir mein Körper danach eine Lehre und ich fühle mich noch schlechter. Das Gefühl muss raus, es kann nicht in mir stecken bleiben. Wütend bohrt es sich in meine Seele und wird stärker und stärker, umso mehr ich es versuche zu ignorieren. Schüttelt mich, bis ich mich ergebe und es annehme.

Leider ist die bezaubernde Magie, bei der alles so einfach ist, bei mir nur rar gesät. Dieses Kribbeln, das Hin und Weg sein, dieses irrationale Verliebtsein, obwohl man sich doch gerade erst kennengelernt hat. Dieser Ausnahmezustand des Körpers, der deinen Tag in ein leichtes rosa haucht und die Schmetterlinge in deinem Magen rotieren lässt.

Die Ungeduld übernimmt nur zu gern die Zügel

Und natürlich verzerre ich mich nach diesem Gefühl und will es wieder spüren. Will es genießen.

Und dann kommt die Ungeduld mit großen Schritten um die Ecke und sagt, ICH WILL. Mein Verstand übernimmt, reißt das Steuer herum und ruft, los geht’s. Dann begebe ich mich in Situationen, gegen die sich mein Körper sträubt, mein Verstand aber erzwingen will. Natürlich kann das nicht funktionieren. Aber manchmal bin ich wieder so sehr im Kopf, dass die Wahrnehmung auf taub gestellt ist.

Intuition kann man lernen

Aber es wird einfacher. Ich brauche oft nicht mehr den großen Vorschlaghammer wie früher, sondern nehme meinen inneren Widerstand schon viel leichter wahr. Und umso öfter ich auf mein Bauchgefühl höre, umso so müheloser ist es auch zu spüren. Und höre ich auf meine innere Stimme, so geht es mir besser.

Ich glaube fest daran, dass wenn wir unserem Körper endlich wirklich vertrauen und ihm wahrhaftig zuhören, dann werden wir auch keine Angst und keinen Ekel mehr vor dem Sex empfinden. Dann werden wir uns nämlich gar nicht mehr in so unmögliche Situationen hineinmanövrieren. Wir schützen uns schon vorher, in dem wir auf die ersten Anzeichen reagieren und deutlich kommunizieren, was wir uns wünschen und was nicht.

Sex ist immer mit Gefühlen. Guter Sex ist mit freien Gefühlen, schlechter Sex ist mit blockierten Gefühlen.