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Das Date

Gestern hatte ich seit sehr langer Zeit wieder ein Date. Er ist ein schöner Mann. Reif, einfühlsam, zärtlich, verständnisvoll.

Ich stelle mich diesmal gleich mit offenem Visier vor. Ich will und kann mich nicht mehr verstellen. Mutig spreche ich über meine Angst vor Berührungen und Kuscheln. Er nimmt meine Hand und hält sie einfach nur fest. Er gibt mir Zeit, unglaublich viel Zeit. Bei kleinen Panikanfällen umarmt er mich einfach so lange, bis sie wieder abklingen.

So viel Empathie von einem fremden Mann überrascht mich. Das habe ich nicht erwartet.

Ich genieße seine Umarmungen und seine Küsse, seine zärtlichen Hände auf meiner Haut, seine Nähe, seinen Geruch. Er ermuntert mich, jederzeit zu sagen, wie ich mich gerade fühle. Macht sogar Vorschläge, um mir das Sprechen zu erleichtern.

Ich bin erregt und feucht.

Ein Schalter legt sich in mir um

Und doch, als er in mich eindringen möchte, ist es kurz, als ob jemand einen Schalter umgestellt hat. Ich fühle mich kurzzeitig erstarrt und mein Visier fällt plötzlich zu. „Umarme mich, das wird dir helfen“, flüstert er, als er meine Verhaltensänderung bemerkt.

Es hilft ein bisschen, kann aber das negative Gefühl nicht vollends vertreiben.

Meine Lust ist von einer Sekunde auf die nächste versiegt. Ich kann den Sex nicht genießen. Und so warte ich. Warte, bis er fertig ist.

Danach ist alles wieder zauberhaft. Wir liegen stundenlang Arm in Arm und reden über Gott und die Welt. Ich fühle mich als Mensch erkannt. Wertgeschätzt.

Ich fahre mit einem guten, zufriedenen Gefühl nach Hause und schreibe noch eine Dankbarkeitsnotiz für den schönen Abend in mein Tagebuch.

Ich bin depressiv, den Tränen nah

Und heute? Heute geht es mir unglaublich schlecht. Ich bin depressiv und den Tränen nah und weiß nicht so recht warum.

Erst dachte ich, vielleicht fühle ich mich doch nur ausgenutzt für einen One Night Stand? Vielleicht ärgere ich mich insgeheim, dass ich seinen Schmeicheleien erlegen bin? Wenn es so wäre, was wäre schlimm daran, denn ich hatte ja einen wundervollen, intimen Abend?

Aber inzwischen hat er sich schon bei mir gemeldet. Das hätte er nicht tun müssen. Das Gefühl ist trotzdem noch nicht verschwunden.

Können mich diese zehn überforderten Minuten beim Sex so stark beeinflussen, dass ich die ganze restliche Zeit nicht mehr zu schätzen weiß? Ich habe gestern viel mehr genommen als gegeben. Trotzdem fühle ich mich jetzt hilflos überfordert und frage mich, ob ich mir zu viel zugemutet habe.

Endet es nicht sowieso immer im Sex?

Dabei habe ich im Prinzip alles ausgesprochen, was mir durch den Kopf ging. Als er fragte, wollte ich die Stellung nicht wechseln, da ich mich in der Missionarsstellung am Geborgensten fühle. Ich wollte keinen Oralverkehr, also habe ich auch das kommuniziert. Und als mir die Penetration meiner Klitoris zu viel wurde, habe ich ihm erneut offen und ehrlich Einhalt geboten.

Aber geht das überhaupt, so intensiv kuscheln und sich dann verweigern? Foltere ich ihn dann nicht irgendwie auch? Und so frage ich mich, ob es immer darauf hinaus laufen wird bei Männern? Ist das Ziel immer der Sex? Endet es nicht sowieso immer im Sex?

Ist der Kompromiss, dass wenn ich Zärtlichkeit und Intimität möchte, dass ich mich irgendwann hingeben muss? Welcher Mann möchte denn langfristig nur kuscheln, bis ich wieder bereit bin, Sex zu haben?

Dann muss ich wohl doch alleine bleiben, oder? Haben wir diese Geduld heutzutage überhaupt noch? Ist Sex nicht auch ein Konsumgut geworden? Konsumieren, um sich kurzfristig Befriedigung und Anerkennung zu holen? Und ich passe einfach nicht mehr in diesen Kreislauf hinein? Ausgemustert. Verdammt alleine zu sein.

Vielleicht war er einfach nicht der richtige Mann, denke ich mir. Aber ich habe selten einen so einfühlsamen und gefühlvollen Mann kennengelernt. Er ist schon etwas sehr Besonderes. Das trifft man nicht allzu häufig.

Ich wollte bewusst diese Angst durchleben

Und ich wollte mich ja challengen. Ich wusste, was auf mich zukommt, als er mir schrieb, wir könnten erst spazieren gehen und wenn wir Lust haben, dann noch etwas Spaß haben. Es ist jetzt nicht, dass ich mich durch seinen Annäherungsversuch überrumpelt gefühlt habe. Ich wollte bewusst diese Angst durchleben, um sie aufzulösen.

Dabei habe ich mich aber scheinbar selbst überfordert. Aber erneut stellt sich mir die Frage, welcher Mensch gibt dir heute noch so viel Zeit? Und warum habe ich jetzt verdammt noch mal so viel Angst davor? Angst vor der natürlichsten Nebensache der Welt. Wo kommt denn diese Angst verdammt nochmal her? Habe ich mich da vielleicht in irgendetwas hineingesteigert? Mir ist ja wissentlich nie etwas wirklich Schlimmes passiert?

Und es ist ja wie mit einer Phobie. Umso stärker du den Trigger meidest, umso schlimmer wird es. Aber ich möchte keine Phobie haben. Ich bin mutig und möchte gegen sie ankämpfen. „Weg mit der Scheiße“, möchte ich schreien. Sie belastet mich doch nur und schränkt mich ein.  Wovor verdammt will mich mein Körper schützen? Ich will nicht beschützt werden. Ich kann auf mich alleine aufpassen.

Angst vorm Sex

Und wäre es eine Challenge, wenn es einfach wäre? Mit Sicherheit nicht. Ich will nicht wieder davonlaufen, wie die letzten Male. Natürlich habe ich schon daran gedacht, seine Nummer zu sperren, denn dann komme ich gar nicht in die Verlegenheit, noch einmal gefragt zu werden, ob wir uns treffen. Dann müsste ich mich nicht wieder dieser Angst vorm Sex stellen.

Oh man, jetzt habe ich es tatsächlich benannt. Angst vorm Sex. Wie kann man denn Angst vorm Sex entwickeln, wenn man nicht mal ein Vergewaltigungsopfer ist, bemerkt der Innere Kritiker in mir.

Aber ich freue mich in diesem Moment gerade wie ein Honigkuchenpferd. Ich habe den Inneren Kritiker auf frischer Tat ertappt. Und meine Selbstliebe erwacht.

Du bist nicht deine Angst

Dann hast du eben einen totalen Knall und eine ganz besondere Phobie. Sie gehört jetzt gerade zu dir. Akzeptiere sie als das, was sie ist. Denn sie ist einfach nur eine Angst. Du bist nicht deine Angst. Du kannst dich immer für die Liebe entscheiden. Vermeide die Angst nicht, denn dann wird sie sich noch mehr in dir ausbreiten. Tritt ihr mutig entgegen. Angst ich nehme dich an. Angst du wirst vergehen.

Meine Tränen sind getrocknet, der Kloß in meinem Hals ist verschwunden. Danke, dass du dir mit diesen Zeilen den Raum gegeben hast, deine Gedanken zu reflektieren. Verdränge deine negativen Gefühle nicht. Sie gehören zu dir und dürfen da sein. Ich umarme dich.

Foto by Joana Noske