27.07.2003

„Was hat sie, was ich nicht habe? Warum werde ich immer nur auf meinen Körper reduziert? Warum versuchen sie alle nur mich ins Bett zu kriegen? Was mache ich nur falsch? Ich bin doch kein Objekt, mit dem man machen kann, was man will! Ich wünschte manchmal echt, ich wäre nicht ich. Hätte nicht so „tolle“ Brüste, die ja allen Kerlen sofort auffallen. Würde einfach nur wegen mir gemocht werden. Vielleicht habe ich auch deswegen Essstörungen? Stimmt schon, irgendwie habe ich Angst, dass wenn ich auch noch fett bin, ich gar keinen mehr abkriege. Womit habe ich das nur verdient? Ich bin doch nie gemein oder schmeiß mich an irgendwelche Typen ran?“

Über Weihnachten haben wir im Keller meiner Eltern aufgeräumt und ich habe meine alten Tagebücher verstaubt in einer Kiste gefunden. Natürlich war ich gleich super neugierig und habe stundenlang darin herumgestöbert. Und ich muss schon zugeben, dass ich ziemlich geschockt darüber war, wie oft ich geschrieben habe, dass ich mich hasse, mir vorgeworfen habe, was ich alles falsch gemacht habe und was ich für ein schwieriges Verhältnis zu meinem Körper und meiner Sexualität hatte.

Als Mädchen wird uns beigebracht, dass wir an unserer Außenwirkung gemessen werden

Tja, uns wird von frühester Kindheit an als Mädchen beigebracht, dass wir an unserer Außenwirkung gemessen werden. Wir bekommen Komplimente dafür, wenn wir niedlich und hübsch aussehen. Die Mädchenzeitschriften sind voll mit Schmink- und Klamottentipps und unsere Vorbilder sind durchgestylte Stars und Sternchen, die uns zurechtgemacht und durchtrainiert aus dem Fernsehen und Internet anlächeln.

In der Pubertät verschärft sich dieses Muster. Wir lernen, dass wenn wir enge, kurze und tief ausgeschnittene Kleidung tragen, dass wir dann wesentlich mehr Aufmerksamkeit vom männlichen Geschlecht bekommen. Unser labiles Selbstbewusstsein versuchen wir durch Bestätigung von Außen aufzubauen. Ein Teufelskreis, wenn diese Bestätigung ausbleibt und so gehen wir immer härter mit uns ins Gericht.

Ich möchte wegen meiner inneren Werte geschätzt werden

Mit Anfang 20 hatte ich dann darauf im wahrsten Sinne des Wortes keinen Bock mehr. Ich wollte schließlich wegen meiner inneren Werte geschätzt werden und vermied es somit zunehmend, tief ausgeschnittene Oberteile oder zu kurze Kleider zu tragen. Nach wie vor, war es mir sehr wichtig, gut auszusehen, sexy sein war aber nicht mehr erstrebenswert.

Weiblichkeit als Wettbewerbsnachteil

Nach meinem Studium begann ich Mitte 20 in einer männerdominierten Branche zu arbeiten. Wir hatten zwar Arbeitsuniformen, aber ich schminkte mich weiterhin und freute mich auf Firmenfeiern, wenn ich mich mal richtig schick machen dufte. Leider machte ich immer wieder die Erfahrung als „niedlich“ und „jung“ einsortiert zu werden. Ich hatte das Gefühl, dass ich oft zunächst unterschätzt wurde und man dann erstaunt war, was ich leisten konnte. Aber ich wollte als kompetente und durchsetzungsfähige Fachkraft wahrgenommen werden. Sexy sein war unangebracht. Also verzichtete ich zunehmend darauf mich hübsch zu machen, um nicht gleich wieder in die „niedlich“ Schublade gesteckt zu werden. Ich sah meine Weiblichkeit im Job als Wettbewerbsnachteil und versuchte sie weitgehend zu unterdrücken.

Ich brauche nicht sexy zu sein

Wenn man mit Persönlichkeitsentwicklung anfängt, dreht es sich schnell um die Themen Sich-Selbst-Finden, Natürlichkeit, Authentizität. Sich radikal so annehmen und lieben, wie man ist, ohne diesen Selbstoptimierungs- und Verbesserungswahn. Ich machte Sport nur noch, wenn ich wirklich Lust darauf hatte (was eher selten ist), ich verzichtete darauf mir die Haare zu färben, experimentierte mit natürlichen Kosmetika, machte Challenges mich gar nicht mehr zu schminken und stellte jegliche gesellschaftliche Anforderung wie zum Beispiel das Rasieren in Frage. Wenn mir Freunde erzählten ich sei eine „Lisa Plenske“ und ich könnte doch viel mehr aus mir machen, reagierte ich recht allergisch und wies alle Vorschläge mit dem Hinweis, „entweder man mag mich so wie ich bin, oder eben halt nicht“, zurück.

Geschlechterrollen und Pornographisierung

Ja, die Reduktion der Frauen auf die simple Funktion ihrer Geschlechtlichkeit ist ziemlich bescheiden. Die Darstellung von halbnackten Frauenkörpern in der Werbeindustrie, wenn sie nicht gerade für Unterwäsche sondern als Dekoration für Möbel, Autos oder was weiß ich, werben, ist sexistisch und gehört abgeschafft.

Sexy als Synonym für eine nackte und pornographisierte Welt, in der Frauen objektiviert werden und ihr Wert an ihrem äußeren Erscheinungsbild gemessen wird. Veraltete Rollenbilder und Benachteiligungen im Job, die zu einem riesigen Gender-Pay-Gap führen und sexueller Belästigung Tür und Tor öffnen. Das alles ist traurig und wir müssen aktiv etwas dagegen tun.

Weiblichkeit und sexy sein ist toll

Aber dies alles ist kein Grund unsere Weiblichkeit zu verleugnen, zu unterdrücken oder als Nachteil anzusehen. Weiblichkeit ist toll. Sie bedeutet Wärme, Weichheit, Liebe, Urkraft, Empfangen, Wildheit, Stärke, Kreativität, Leidenschaft, Zärtlichkeit, Empathie und so viel mehr.

Und Selbstliebe bedeutet, auch diese Seiten von sich anzunehmen.

Selbstliebe heißt auch, sich erlauben sich sexy zu fühlen. Es sich zu gönnen schöne Kleider zu tragen, seine Vorzüge zu betonen und sich für seinen eigenen Körper zu begeistern.

Sexuelle Freiheit durch Annahme unserer Weiblichkeit

Wie können wir sexuell frei sein, wenn unser Verständnis von uns selbst und anderen Frauen es nicht ist? Wenn wir attraktive Frauen als Gefahr oder Konkurrenz ansehen und sie durch kritische Bemerkungen herabwürdigen? Unseren Körper bekämpfen, verstecken und missbilligen?

Erst wenn wir uns selbst den Respekt entgegenbringen, uns als Subjekt ansehen und uns erlauben weiblich zu sein, dann befreien wir uns von einengenden Rollenbildern, Normen und Klischees.

Sexy sein bedeutet du selbst zu sein. Deinen Talenten und deiner Leidenschaft nachzugehen. Deine Stärken zu betonen, dich wohl in deiner Haut zu fühlen. Dich und deinen Körper zu pflegen, anzunehmen und Freude an deiner Weiblichkeit zu haben.

Sexy ist, wenn du unabhängig vom Außen bist. Dich schminkst, weil du dich so gerne im Spiegel anschaust. Oder dich nicht schminkst, weil du dir sonst angemalt vorkommst. Das bezaubernde Kleid anziehst, weil du deine Rundungen darin liebst, oder die knallenge Jeans, weil du deinen Po in der Hose so gerne anschaust. Du und nicht jemand anderes.

Weiblichkeit stärken

Feminin aussehen bedeutet nicht, sich Geschlechterklischees zu unterwerfen.

Weiblichkeit ist die Freiheit zu haben, dich selbst, deinen Körper, andere Menschen und dein Leben zu lieben.

Be free, be sexy.