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It‘s Decadence Time. Meine erste Fetisch Party.

Berlin 2015. Kreuzberg. Comet Club.

Es ist kurz vor 24 Uhr als ich bei meiner Freundin eintreffe. Sie und ihr Mann nehmen mich auf meine erste Fetisch Party mit – Decadence goes Berlin.

Da ich keine Ahnung habe, was ich dazu anziehen soll, borgt sie mir etwas aus ihrem umfangreichen Kleiderschrank. Nach endlosem herumprobieren entscheide ich mich für einen hautengen, knielangen Latexrock und eine durchsichtige Bluse. Ganz züchtig natürlich mit BH darunter. Mein Popo sieht in dem Rock schon ziemlich heiß aus, stelle ich fest. Obwohl ich darin nur Minischritte laufen kann, da er wirklich verdammt eng ist. Aber der Rock ist schon der Hammer. Ich bin vor Aufregung ganz hippelig.

Meine Freundin in Minirock, die Brüste nur mit schillernden Nipple Pasties verdeckt und ihr Ehemann im Netzshirt und Lederrock sind da schon eine Spur entspannter. Auf geht’s im Auto nach Kreuzberg.

Die wenigen hundert Meter vom Parkplatz zum Club drehe ich mich gefühlt tausend Mal um. Was die Leute wohl von uns denken, wenn sie uns in diesen Outfits herumlaufen sehen? Aber hey, that’s Berlin. Keine Sau interessiert sich für uns.

Die Fetisch-Party

Im Inneren des Clubs ist es so dunkel, dass man kaum die Hand vor Augen sieht. Dunkle Elektrobeats hallen durch die engen Gänge. Die Räume werden durch flackerndes Blitzlicht erhellt. Weiße Rauchschwaden durchdringen die Finsternis und legen alles in eine gefährliche, verruchte Atmosphäre.

Das Publikum der Fetisch Veranstaltung ist bunt gemischt. Von bunten Punks mit steilen Irokesen, über Männer mit nur einem Penisring bekleidet (darf man das überhaupt noch bekleidet nennen?), Retrouniformen, zu Ganzkörper – inklusive Gesicht – Latexanzügen oder auch glitzernde Corsagen mit frivolen, federgeschmückten Röcken, findet man alles, was sich die Fantasie vorstellen kann und noch so viel mehr. Ich sauge alles auf und bin begeistert wie ein Kind beim ersten Fasching.

Darüber hinaus wird jede Stunde eine exklusive Show angeboten. Verzückt schaue ich mir eine Bondage-Show an. Dabei fasziniert mich vor allem die Kunst der tausend Knoten. Erregend finde ich das eher nicht und beim Blick in das leidende Gesicht der Gefesselten frage ich mich, warum sie das mit sich machen lässt. Ich hätte jedenfalls keine Lust mehrere Minuten bewegungsunfähig, kopfherunter, natürlich nackt nur mit den Seilen bedeckt, doof in der Luft abzuhängen. Da gibt es schon spannendere Aktivitäten.

Der Pärchenbereich zum Beispiel. Der heißt nicht nur so, sondern hat auch eine exklusive Zutrittskontrolle, dass nicht irgendwelche Spanner belästigen. Ich darf mir für eine kurze Führung den Ehemann ausleihen. Da schießt mir schon ganz schön das Blut in die Wangen, und ja, ich gebe es zu, auch in den Unterleib, als ich zum ersten Mal fremde Menschen beim Sex beobachte. Manche lächeln mir auffordernd zu, andere sind so vertieft, im wahrsten Sinne des Wortes, dass sie nichts mehr um sich herum wahrnehmen. Ab und zu, finden sich kleine Grüppchen, die ihre Körperflüssigkeiten auch munter zu viert austauschen.

Außerhalb der Pärchenarea beobachte ich auch einzelne sexuelle Aktivitäten. Aber da dann oft eine Frau gleich von mehreren Männern begattet wird, fängt mein kleines Feministinnenherz eher ganz aufgeregt an zu schlagen. Mit einer faszinierten Abscheu schmule ich immer wieder heimlich zu dem Treiben herüber.

Fetischwelten können faszinierend und erregend sein

Oh ja, diese Parallelwelten können sehr faszinierend und erregend sein. Und sie können wieder Schwung in so manches eingeschlafene Liebesleben bringen.

Kaum ein halbes Jahr später besuche ich mit meinem Freund zum ersten Mal gemeinsam ein solches Partyvergnügen. Wir haben zum ersten Mal Sex im exklusiven Pärchenbereich.

Beim nächsten Besuch ein paar Monate später küsse ich schon die fremde Frau des süßen Pärchens neben uns.

Das KitKat Berlin, zunächst eine verbotene Oase der sexuellen Lust. Zuerst verlegenes Kichern, als die ersten mutigen Gäste nackt in den Pool springen, beim nächsten Mal schon nichts Besonderes mehr.

Eine Stufe schärfer das Insomnia. Zu manchen Partyveranstaltungen schon fast ein Swingerclub mit riesengroßem Pärchenareal. Menschen in Unterwäsche? BDSM / Fetisch? Völlig normal. Wie denn auch sonst?

Sex und Fetisch als Ersatzbefriedigung

Der Mensch stumpft ab. In einer Welt, in der wir mit Nacktheit und Sex bombardiert werden, geschieht dies mehr oder weniger unfreiwillig. Sex wird zum bloßen Konsumgut. Und um die gleiche Befriedigung, die gleiche Menge Adrenalin und Endorphine wie noch zuvor zu produzieren, wird ein immer größerer Reiz benötigt. Die Gefahr besteht, dass wir irgendwann dann nur noch durch solche Extreme erregbar sind.

Vor allen Dingen, wenn wir versuchen mit dem Hang zum Exzessiven Löcher zu stopfen. Löcher aus Leere in uns. Der Trieb nach Sexualität wird zelebriert, um die wahren Bedürfnisse nach Nähe und Verbundenheit, die in einer langjährigen Beziehung vielleicht schon eingeschlafen sind, zu übertünchen. Der Sex kann zur Droge, zur Ersatzbefriedigung für unser tiefes, inneres Verlangen nach Liebe werden. Und wie jede Droge, ist eine Abhängigkeit nie gesund. Denn irgendwann Kreisen die Gedanken nur noch um den nächsten Kick, wobei die Abstände dazwischen immer kürzer und kürzer werden.

Reflektiere deine Sexualität

Ich finde es wunderbar, dass es solche Orte gibt, an denen man ganz neue Seiten der Sexualität entdecken kann. Es ist faszinierend, eine so große Intimität mit fremden Menschen in einem geschützten Rahmen ausleben zu können. Und doch sollte das alles reflektiert und mit Bewusstsein erlebt werden. Ich besuche nur alle paar Monate solch eine Veranstaltung. Aber ich kenne Menschen, die das wöchentlich machen. Die schon unruhig werden, wenn sie es mal eine Woche nicht schaffen. Die Schwierigkeiten haben, überhaupt noch normal erregt zu werden. Denen ‚normaler‘ Sex viel zu langweilig ist.

Das finde ich unendlich traurig. Mit Sex kann man die größte nur vorstellbare Verbundenheit zu einem anderen Menschen aufbauen. Und Sex ohne Verbundenheit fühlt sich für mich nur schal und unvollkommen an. Man hat vielleicht noch die körperliche Befriedigung, aber die Seele ist immer noch durstig. Sie vertrocknet an der sprudelnden Quelle.

Wieder echte Intimität und Verbundenheit aufbauen

Ich möchte mein Mitgefühl an die Menschen senden, die sich in der steigenden Spirale der sexuellen Extreme befinden und sich von ihr schon ferngesteuert fühlen. Aber die Erkenntnis, dass man damit vielleicht schon ein Problem hat, ist so unheimlich wertvoll. Sie ermöglicht es, zu einer natürlichen Sexualität wieder zurück zu finden. Langsam Schritt für Schritt Empfindungen wieder zuzulassen. Den Partner wieder näher an sich herankommen zu lassen. Also nicht nur körperlich nah, sondern wirklich nah. Wieder echte Intimität und Verbundenheit aufzubauen.

Das braucht Zeit und Geduld. Nicht nur im gesamten Prozess, sondern auch beim Sex selbst. Langsam ist das neue Schnell. Zelebriere deine Sexualität wieder. Versuche jede einzelne Berührung wieder wahrzunehmen. Das Streicheln der Hände über deinen Rücken, über deine Schenkel. Die zärtlichen Küsse auf deiner Haut. Zwinge dich zur Langsamkeit und lass dich nicht von der Lust jagen. Genieße die Sehnsucht nach mehr und widerstehe dem Drang jetzt schnell zu ficken. Du hast alle Zeit dieser Welt. Ihr habt alle Zeit dieser Welt euch wieder neu zu entdecken.