Es ist Samstagabend. Die Musik dröhnt etwas zu laut und du prostest mir von der gegenüberliegenden Seite unseres Tisches zu. Es ist Samstagabend, Pärchenzeit. Der Tag war schön, wir haben einen tollen Ausflug in die nächstgrößere Stadt gemacht. Du lächelst mir fröhlich zu. Es ist Samstagabend, Zeit für Sex. Ich habe ein ungutes Gefühl im Bauch. Was ist, wenn ich nachher nicht richtig Lust habe, was ist, wenn mein Körper wieder nicht richtig möchte? Ich verdränge die Gedanken und nippe an meinem Glas. Ich sollte mehr trinken, dann bin ich entspannter und denke nicht mehr so viel nach.

Nach meinem fünften oder sechsten Glas steigen wir ins Taxi. Ich fühle mich benebelt und frei. Du kannst im Taxi schon kaum deine Finger von mir lassen. Ich genieße deine Aufmerksamkeit und deine Berührungen. Zu Hause angekommen, sind wir direkt auf dem Weg ins Schlafzimmer. Du wirfst mich aufs Bett, liebkost mich, entkleidest mich. Ich bin wie betäubt. Du leckst mich, doch ich spüre es kaum. Du dringst in mich ein, es ist leicht, ich bin entspannt. Ich rieche deinen Duft und spüre deine starken Arme. Ich schließe die Augen, deine Nähe und Wärme lullen mich ein. Du möchtest die Stellung wechseln, träge drehe ich mich auf den Bauch. Nach einigen Minuten möchtest du wieder die Stellung wechseln, wir wechseln. Dann noch einmal. Langsam werde ich müde und bin gar nicht mehr so richtig bei der Sache. Du brauchst immer ewig bist du kommst, wenn du getrunken hast. Langsam dämmere ich weg, ich bin doch so müde, ich möchte schlafen.

Alkohol als Alltagsdroge

Alkohol ist in unserer Gesellschaft schon Normalität. Nicht umsonst wird er als Alltagsdroge betitelt. Alkohol wirkt in niedrigen Dosen euphorisierend, angstlösend, schmerzlindernd und enthemmend. Diese Wirkung habe ich mir früher oft zunutze gemacht. Ich habe mir Mut angetrunken, wollte meinen immer denkenden Kopf ausschalten, habe gehofft, wenn ich nur richtig enthemmt bin, dann kann ich auch besser loslassen. Kann mich besser gehen lassen und von der Lust überrollen lassen. Aber Alkohol betäubt nur für den Moment. Wenn ich das nächste Mal Sex im nüchternen Zustand hatte, waren die Ängste und Zweifel wieder da. Und so griff ich immer regelmäßiger am Wochenende zur Flasche. Ich verdrängte meine Probleme und warf einen Schleier über meine Empfindungen.

Alkohol betäubt unsere Empfindungen und damit auch unsere Lust

Wir denken Alkohol fördert die Lust, aber letztendlich hat es nur eine dämpfende Wirkung auf alles und die sexuelle Empfindlichkeit sinkt sogar. Man spürt einfach weniger. Auch die euphorisierende Wirkung lässt mit zunehmendem Genuss nach und kann sogar in eine depressive Stimmung umschlagen. Bei starkem Alkoholkonsum kommt es sogar eher zu Erregungs-, Erektions- und Orgasmusschwierigkeiten. Also genau dem Gegenteil von dem, was man eigentlich mit dem Alkohol erreichen wollte. Zudem ist die Dosierung äußerst schwierig, da sie stark von der täglichen Verfassung abhängt. An manchen Tagen konnte ich sehr viel trinken und mein Kopf wollte sich einfach nicht betäuben lassen. Die Gedanken ratterten auch beim Sex noch wie wild. An anderen Tagen war ich nach drei Gläsern schon so betrunken, dass ich mich kaum an den Sex erinnern konnte. Und das ist ja mega Schade.

Sex braucht Einfühlungsvermögen, Verständnis und Zeit

Heute trinke ich nur noch sehr selten Alkohol. Ich möchte mich nicht länger betäuben, sondern möchte alles spüren, was da ist. Auch die Angst und den Zweifel. Sex ist ein so sensibles Thema und benötigt viel Einfühlungsvermögen, Verständnis und Zeit. Heute möchte ich nicht mehr einfach vor meinen Problemen wegrennen und sie unterdrücken, sondern ich stelle mich ihnen aktiv. Ich rede darüber mit Freunden, mit meinem Partner und schreibe darüber.

Übe es, dich wieder zu öffnen, dich hinzugeben, Empfindungen zuzulassen. Versuche, dich wieder mehr zu sensibilisieren, spielerisch an Dinge heranzutasten und versuche den Leistungsdruck, das Funktionieren herauszunehmen. Du musst nicht auf Knopfdruck Lust haben. Nimm dir die Zeit Berührungen und Liebkosungen zu spüren, Gefühle wieder wahrzunehmen. Hemmungen sind ja nicht nur etwas Schlechtes, sondern sie haben auch eine wichtige Schutzfunktion für uns. Sie bewahren uns davor, unsere Grenzen zu überschreiten und helfen uns vorsichtig, mit Zeit und Liebe neue Erfahrungen zu machen.

Ich möchte dich richtig kennen lernen, ich möchte mich richtig kennen lernen. Und das geht nur, wenn wir beide bei klaren Sinnen sind und uns wirklich aufeinander einlassen.