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Der Exhibitionist

Ich bin 14 Jahre und sitze mittags in der S-Bahn Richtung Spandau. Wir Berliner witzeln manchmal, dass Spandau gar nicht zu Berlin gehört, weil es so weit draußen liegt. Der Zug ruckelt leicht und fährt zügig in den nächsten Bahnhof ein. Passagiere steigen aus, die Türen schließen sich wieder.

Mir gegenüber sitzt ein älterer Kerl, der mich schelmisch angrinst. Ich erwidere seine Grimasse nicht. Auf einmal nestelt er ungeduldig an seiner Hose herum und packt seinen erigierten Penis aus. Reibt ihn. Hoch, und runter. Und wieder hoch, und runter.

Dabei grient er mich immer noch an und leckt sich langsam genüsslich über seine Lippen. Ich bin erstarrt und weiß nicht, wo ich hingucken soll. Ich schaue verzweifelt nach links, aber das Zugabteil ist leider völlig verwaist. Gähnende Leere. Nur dieser schmierige Typ mir gegenüber, und ich.

Er grinst mich immer noch höhnisch an und ich starre auf den Boden. Starre und starre. Fühle mich gelähmt, unfähig überhaupt eine Bewegung zu machen. Die Zeit scheint still zu stehen.

Als der Zug endlich wieder anhält, steht der Mann urplötzlich auf, wirft mir einen letzten Blick zu und verlässt flott das Abteil.

Ich bleibe wie betäubt sitzen. Eine Station, dann noch eine. Als ich wieder klar denken kann, stehe ich auf und steige an der nächsten Haltestelle aus. Meine Zielstation habe ich verpasst. „Na toll, jetzt muss ich wieder zurück fahren“, denke ich.

Der Pädophile

Ich möchte ein Schülerpraktikum machen. Zur Auswahl stehen Polizei oder Friseur. Zum Hineinschnuppern bietet der Friseur, ein sympathischer Mann mittleren Alters, mir ein paar Probearbeitsstunden nach der Schule an. Ich kann die Arbeit testen und gleichzeitig mein schmales Taschengeld mit den Trinkgeldern der Kunden, für das Haarewaschen und weitere kleine Hilfsdienstleistungen, aufbessern. Ja, perfekt. Also los…

Es ist die fünfte Woche gegen 18 Uhr. Bevor die letzte Kundin den Laden verlässt, drückt sie mir noch schnell eine Mark mit einem Lächeln in die Hand und verabschiedet sich. Mein Chef möchte noch kurz mit mir sprechen und wir setzen uns auf die Wartecouch für die Kunden. Er erklärt mir, dass er sehr zufrieden mit meiner Arbeit ist und fragt mich, wie es mir gefällt. Ich erzähle, dass es mir viel Spaß macht und, dass ich mir gut vorstellen kann, mein Praktikum bei ihm zu machen.

Er rückt ein Stück näher, legt seinen Arm eng um mich und versucht mich auf den Mund zu küssen. Entsetzt springe ich auf und trete hastig ein paar Schritte zurück. Sogleich fängt er an sich wortreich zu entschuldigen. Es tue ihm leid, aber ich sei so unglaublich süß. Er konnte einfach nicht widerstehen. Ich solle es ihm nicht übel nehmen. Er verspricht mir, es nie wieder zu machen. Ich nehme die Entschuldigung angeekelt an und verlasse kurz später wortkarg sein Geschäft. Ich betrete es nie wieder.

Eine Woche später gehen mein Vater und mein Bruder zum Haare schneiden. Haare schneiden bei DEM Friseur. Als sie wieder kommen, richten sie mir fröhlich Grüße aus. Ich solle doch bald wiederkommen. Der Friseur vermisse mich. Ich schüttele nur den Kopf und sage ausweichend, dass ich keine Zeit mehr dafür hätte, wegen der Schule und so. Innerlich zieht sich alles in mir zusammen und mein Magen dreht sich beinahe um. Mir ist kotzübel.

Der Aufdringliche

Es ist morgens um 4 Uhr, die Musik des Clubs in München dröhnt dunkel zu mir herüber. Ich bin ein wenig betrunken und stehe, auf meinen besten Freund wartend, etwas abseits in einem kleinen Gang nahe der Toiletten. Ich bin schon super müde, wir wollen gleich gehen.

Ein durchschnittlicher Typ schlendert auf mich zu und fragt mich, was ich hier mache. Nichts weiter, entgegne ich und will ihn schon wieder ignorieren, als er mir sehr nahe kommt. Zu nahe. Er stemmt seinen linken Arm rechts vorbei an meinem Kopf an die Wand hinter mir. Er säuselt mit schmierigem Atem in mein Gesicht, dass wir ja noch jede Menge Spaß heute Abend zusammen haben können. Ich versuche mich ihm zu entziehen, aber er versperrt mir den Weg zur Seite mit seinem anderen Arm und versucht mich hinten in die dunkle Ecke zu drängen. Ohnmacht und Hilflosigkeit überfallen mich. Die Angst packt mich und kriecht windig meinen Nacken empor. Wie soll ich hier bloß wieder herauskommen?

Zum Glück taucht in diesem Moment mein bester Freund auf und befreit mich aus den Zwängen des ekelhaften Kerls. Gott sei Dank macht dieser keinen Aufstand, sondern hebt nur seine beiden Arme verteidigend hoch neben seinen Kopf. Er lacht auf und sagt kumpelhaft zu meinem Freund, wir hätten uns nur gut unterhalten. Ich ducke mich ängstlich an ihm vorbei, mein bester Freund folgt mir. Irritiert fragt er mich, ob es mir gut gehe. Ich nicke ihm schnell zu. „Jaja, alles in Ordnung. Können wir jetzt aber bitte nach Hause fahren?“

To be continued…

Es ist so wichtig, dass wir über sexuelle Belästigung reden

Diese Geschichten beruhen auf meinen eigenen Erfahrungen und sind so wiedergegeben, wie ich mich an sie erinnere.

Sexuelle Belästigung kann immer und überall passieren. Und daher ist es so wichtig, dass wir darüber reden. Wir sollten uns dafür nicht schämen, denn wir sind hier das Opfer. Das Opfer ist niemals Schuld. Du kannst nichts dafür, du warst lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort.

Wenn ich meine Freundinnen frage, dann kann jede von ihnen ähnliche Geschichten über sexuelle Belästigung erzählen. Viele reden erst Jahre später zum ersten Mal darüber. Die Sache mit dem Friseur weiß meine Familie bis heute nicht. Ich bin gespannt, wie sie darauf reagieren, wenn sie es lesen.

Das traurige daran ist, wir tun es oft mit einem Schulterzucken ab, da ja eigentlich nicht wirklich etwas bei der sexuellen Belästigung passiert ist. Aber ist wirklich nichts passiert, wenn wir es noch Jahre später mit uns herumtragen und jedes Mal wieder dieses Gefühl von Ekel und Ohnmacht in uns verspüren?

Es ist schlimm, dass uns das passiert ist! Und negative Erlebnisse sollte man nicht verdrängen, denn sie holen uns immer wieder ein. Lauern in unserem Unterbewusstsein und lösen Beziehungsmuster aus, die wir auf den ersten Blick gar nicht damit in Verbindung bringen.

Sexuelle Belästigung ist immer Unrecht und darf nicht toleriert werden

Sexuelle Belästigungen sind niemals klein, unwichtig oder nichtig! Das kommt uns nur so vor, weil wir traurigerweise einfach schon daran gewöhnt sind. Es ist fast normal und Alltag, dass so etwas eben passiert. Aber nur, weil wir daran gewöhnt sind, heißt es noch lange nicht, dass es richtig ist. Oder das es toleriert werden muss. Nein, ganz und gar nicht. Wir dürfen nicht abstumpfen, sondern die Gesellschaft muss sich sensibilisieren. Sensibilisieren dafür, dass solche Übergriffe großes Unrecht sind, damit die Täter kein leichtes Spiel unter dem Deckmantel der Wegschau-Mentalität haben.

Sei mutig, löse dich von den Fesseln deiner schlechten Erfahrungen. Fange zum Beispiel an mit deinen Freunden oder Eltern darüber zu sprechen. Mir hat es so unglaublich geholfen, als ich mich das erste Mal geöffnet habe.

Falls du dich das jetzt noch nicht traust oder vielleicht befürchtest, dass man dich nicht ernst nimmt, dann schreibe mir gerne eine Mail. Es ist wichtig, dass wir damit anfangen. Nur so können wir uns von den negativen Erfahrungen befreien und uns selbst heilen.

(Anmerkung: Opfer sexueller Gewalt können beim Weissen Ring E. V. Hilfe in Anspruch nehmen).