Meine letzte größere sexuelle Unlustperiode hat acht Monate gedauert. Ich habe mich nicht selber befriedigt, es lag auch nicht am Mangel an Gelegenheiten und vermisst habe ich es auch nicht. Nur schleicht sich manchmal in diesen Phasen der kleine Gedanke in mein Unterbewusstsein „Bin ich normal? Bin ich jetzt krank?“

Sexuelle Unlust und Statistik

Der Deutsche Durchschnitt ist ja angeblich ein bis zwei Mal die Woche. Wie kann das denn sein? Es gibt doch Frauen, die jahrelang keinen Sex mehr hatten. Oder Frauen (und auch Männer), die auch mit 25 Jahren noch keinen hatten. Müssten wir nicht alle die Statistik so verzerren, dass dort niemals ein bis zwei Mal die Woche herauskommt? Oder haben die anderen einfach drei Mal am Tag Sex, dass es sich auf solch ein Mittel einpendelt? Vielleicht sind wir mit unserer Unlust einfach so unnormal, dass wir in der Statistik einfach außen vor gelassen werden? Oder haben wir bei den Befragungen einfach nur Angst die Wahrheit zu sagen, schämen uns und beschönen es auf „alle vier Wochen oder so“, um uns nicht ganz so unnormal zu fühlen?

Warum ist sexuelle Unlust denn nicht in Ordnung?

Als ich es einem guten Freund erzählt habe, dass ich bereits seit acht Monaten komplett sexfrei bin, ist er fast von seinem Stuhl gekippt, so entsetzt war er. Er befriedigt sich jeden Tag und auch als Single hat er regelmäßig Sex. Ja, aber warum muss ich denn Sex haben und warum ist sexuelle Unlust denn nicht in Ordnung?

In vielen Ratgebern steht, dass wenn die Unlust über Wochen anhält, dann ist das schon nicht mehr normal. Und umso weniger Sex man hat, umso weniger Lust hat man dann auch. Und dann muss man etwas dagegen tun. Ach ja? Also ich muss mich jetzt zu etwas zwingen auf das ich gar keinen Bock habe, nur damit ich nach einer Weile vielleicht ein bisschen weniger gar keinen Bock hab? Tolle Logik.

Wenn es uns nicht immer wieder so eingeredet werden würde, wie oft wir Sex haben sollten, dann wäre mir das vermutlich gar nicht aufgefallen. Erst auf Anfrage habe ich nachgezählt, wie viele Monate es denn jetzt waren und ich war selber überrascht, wie schnell doch wieder die Zeit vergangen ist. Acht Monate hört sich schon lange an. Aber wenn ich acht Monate keine Äpfel esse, weil sie mir nicht schmecken, dann wundert sich ja auch keiner darüber. Oder wenn acht Monate kein spannender Film im Kino kommt, warum sollte ich dann ins Kino gehen? Aber Sexualität ist doch ein menschliches Grundbedürfnis? Aha, also wenn ich nicht schlafe, esse und trinke, dann sterbe ich früher oder später. Wenn ich nicht auf die Toilette gehen kann, wird es irgendwann auch verdammt unangenehm. Aber wenn ich keinen Sex habe, was genau passiert dann? – Öhm, nix oder? –

Und dieses, „dann lässt die Lust aber immer weiter nach“, kann ich so nicht bestätigen. Ich habe auch zwischendurch wieder Phasen, da habe auch ich drei Mal in der Woche Sex. Oh, und wenn es ganz gut läuft, sogar zwei Mal am Tag. Was für ein Wunder.

Spüre in deinen Körper, wann du wirklich Lust auf Sex hast

Ich möchte mich nicht mehr bevormunden lassen, wie oft ich Lust haben sollte, oder Sex haben sollte. Ich höre einfach nur auf meinen Körper. Und wenn der mir sagt, ich habe jetzt Lust, dann habe ich auch Sex, und wenn er eben keine Lust hat, dann werde ich ihn nicht dazu zwingen. Denn meiner Meinung nach führt jeder Zwang zu noch mehr Unlust. Und das kann ja wirklich nicht im Interesse von irgendjemanden sein, und von mir schon gar nicht.

Die sexuelle Lust ist von so vielen Faktoren abhängig. Wie gestresst bin ich gerade, wie ist mein Hormonstand (in der Regel hat die Frau um den Eisprung mehr Lust als kurz vor ihrer Periode), nehme ich die Pille ein (eine Nebenwirkung durch den zusätzlichen Hormoncocktail kann unter anderem eine geringere Libido sein), wie sehr vertraue ich meinem Partner, fühle ich mich gerade wohl in meinem Körper und so weiter. Diese ganzen Einflussfaktoren sind so schwer messbar, daher versuche ich tief in mich hinein zu spüren. Intuitiv weiß ich dann, ob mir Sex jetzt gut tun wird oder nicht. Und empfinde ich Lust, dann kann Sex die schönste Nebensache der Welt sein.

Es ist also so viel Sex normal, wie du dich damit wohl fühlst. Du und kein anderer.