Was ist Tantra eigentlich?

Menschen, die sich intensiver mit ihrer Sexualität auseinandersetzen, kommen über kurz oder lang nicht am Tantra vorbei. Tantra ist ursprünglich eine Bewegung innerhalb der indischen Religion und entwickelte sich als eine esoterische Form des Hinduismus und später des Buddhismus. In unserer westlichen Welt etablierte sich Tantra im 20. Jahrhundert und fokussiert sich hauptsächlich auf die sexuellen Aspekte, die im klassischen Tantra nicht zwingend im Mittelpunkt stehen.

Für mich ist Tantra daher ein zweischneidiges Schwert, mit dem ich durchaus auch schon negative Erfahrungen gesammelt habe. Es gibt Ströme, die sich Tantra eher als Orgie vorstellen mit speziellen Massagetechniken, die das Lustempfinden steigern sollen. Das hat für mich aber nur bedingt etwas mit Achtsamkeit zu tun, gerade wenn man noch Probleme damit hat, seinen eigenen Körper zu spüren und Grenzen zu setzen. Da kann es dann leicht passieren, dass man sich wieder selbst damit überfordert.

Ich bin auf der Suche nach einer Form des Tantras, wo ich mich selber besser kennenlerne und beginne mich und meine Bedürfnisse wieder zu spüren. Mich für die Lust und Freude zu öffnen und Schamgefühle abzulegen. Alles ohne Druck und Muss.

Tantra Healing Temple – Soll ich das wirklich versuchen?

Als ich auf das Seminarangebot von Michael Kreuzwieser vom Tantra Healing Temple stoße, fühle ich mich sogleich angesprochen:

„Ein Abend, bei dem du tiefer in dein Verlangen und deine Grenzen tauchst, um dich mit deinem Herzen zu verbinden. Dich zu offenbaren, deine Wahrheit zu sprechen, sich ermutigt zu fühlen, Liebe zu geben und zu empfangen. Ein experimenteller Raum, um deine Sinne, deine Sinnlichkeit und deine Freude an Intimität zu entfalten. Heile und nähre dich selbst mit dem Geschenk der Intimität, Präsenz und authentischer Verbindung.“

Obwohl ich schon ein paar Tage mit dem Angebot liebäugle, kann mich erst die wundervolle Kathrin Ismaier abschließend überzeugen, die Veranstaltung zu buchen. Zu tief sitzt die Unsicherheit, dass das so ein schmuddeliges Ding wird, mit dem ich dann nur mehr kaputt mache, als ich heile. Aber sie bietet mir an, dass wir uns zur Not auch gegenseitig massieren können, denn wir sollen tatsächlich Massageöl mitbringen.

Der Tantra Healing Temple beginnt

Der Abend beginnt entspannt mit einer Vorstellungsrunde. Wir sind ein bunt gemischter Haufen. Einzelne Frauen und Männer, Paare, jüngere und ältere Menschen. Wohlgeformte und kantige Körper, gekleidet in Jeans und T-Shirt, Haremshosen, luftige Röcke und knappe Hüfttücher. Manche sind sehr entspannt, andere ein bisschen nervös. Ich spreche meine Angst aus, dass es mir vielleicht etwas zu viel wird heute Abend. Keiner urteilt. Ich darf sein, wie ich bin.

Und sogleich nach der Vorstellungsrunde starten wir voller Tatendrang in den Abend. Erst eine kleine Live-Musikeinlage mit Ukulele einer Teilnehmerin, die uns zum Mitsingen animiert. Danach dreht Michael die Musikanlage laut auf und wir tanzen begleitet von karibischen Klängen durch den Raum. Wir sollen die Hüften kreisen lassen, unsere Körper schütteln, den Kopf ausschalten. Ich nehme eine Teilnehmerin an die Wand angelehnt wahr. Alles kann, nichts muss. Ich weiß noch, wie schüchtern ich bei meinem ersten Frauenkreis beim Tanzen war. Jetzt sprüht die Energie nur so in mir und möchte sich in fließenden Bewegungen entladen.

Erste Tantra Partnerübungen

Zwischen dem Tanzen machen wir immer wieder kurze Partnerübungen. Manchmal stehen wir nur Rücken an Rücken gelehnt und spüren die andere Person hinter uns, manchmal sagen wir uns unsere größten Wünsche und Ängste. Zwischendurch tasten wir uns blind durch den Raum und schauen uns immer wieder tief in die Augen, nur um dann wieder kurz Inne zu halten. Mit geschlossenen Augen zu uns zurück zu kommen, tief durchzuatmen und uns selber zu spüren.

Ich habe unglaublich viel Spaß und doch merke ich, wie offen und strahlend ich den Frauen begegne und wie ausweichend ich mich den Männern gegenüber verhalte. Teilweise ignoriere ich sie und suche mir lieber schnell wieder eine Frau als nächsten Partner.

Ich möchte mich von alten Verhaltensmustern lossagen

Und Michael spricht von alten Verhaltensmustern, in die wir immer wieder hineinfallen. Ich fühle mich sogleich ertappt. Dabei wünsche ich mir so sehr, dass ich auch entspannter den Männern gegenübertreten kann. Und so, nehme ich die Herausforderung an und tanze das nächste Mal ganz ohne Hintergedanken mit einem Mann.

Als nächste Übung sollen wir intim umarmen. Also so richtig nah und liebevoll. Hüfte an Hüfte, Bauch an Bauch, Schulter an Schulter. Aber ich darf auch mit einem Namaste-Gruß Nein sagen, wenn ich jemanden nicht umarmen möchte. Und so ziehe ich durch den Raum, stimme mit offenen Armen einer Umarmung zu und weise auch manche der Männer mit einem freundlichen Gruß ab. Ein bisschen plagt mich mein schlechtes Gewissen, dass ich manche scheinbar grund- und wahllos ablehne. Aber ich möchte mich nicht wieder aus Mitleid in eine Situation begeben, in der ich mich dann nicht wohl fühle. Ich vertraue vollkommen auf mein inneres Gefühl. Und so lächle ich entschuldigend und es fällt mir von Mal zu Mal leichter. Das kein böser Blick, kein falsches Wort mir entgegenkommt, macht es noch einfacher. Ich fühle mich ein klein wenig stolz, dass ich diesmal so achtsam mit meiner Grenze bin.

Er sieht unglaublich beseelt aus und seufzt berührt

Mein letzter Partner kurz vor der Pause ist ein Mann. Wir schauen uns minutenlang in die Augen. Er sieht einfach nur entspannt und glücklich aus. Das nimmt mir die Scheu. Nun sollen wir unsere linke Hand auf das Herz unseres Partners legen. Kurz durchzuckt mich der Gedanke, aber da ist doch meine Brust, aber ich nehme all meinen Mut zusammen und lege meine Hand zuerst auf seine Brust. Und als er seine starke Hand ablegt, fühlt es sich gar nicht zwielichtig an. Eigentlich nur ganz normal.

Wir schauen uns immer noch tief in die Augen. Nun sollen wir uns Liebe durch unsere Hände in das Herz des Gegenübers senden. Ich bin einfach nur entspannt und versuche mir den Fluss von rosa Licht durch meinen Arm vorzustellen. Er sieht unglaublich beseelt aus und seufzt berührt. Ergriffen und fasziniert beobachte ich ihn und kann gar nichts angsteinflößendes mehr entdecken. Ein Mensch in all seiner Offenheit und Liebe. Mir wird unglaublich warm ums Herz. Ich spüre eine tiefe Dankbarkeit für diesen Moment.

Die Partnerübungen werden intensiver

Nach der kurzen Pause werden die Partnerübungen noch intensiver. Es geht darum, bewusst Grenzen zu setzen und offen auszudrücken, was man möchte und was nicht. Wir teilen unserem Gegenüber unsere Tabuzonen mit und dürfen uns berühren lassen und berühren. Wir sollen aktiv ja oder nein zu jeder neuen Berührung sagen, danach sollen wir mit unserem Körper zeigen, welche Berührungen wir genießen und welche der andere sofort sein lassen soll. Meine Partner sind alles Frauen, da genieße ich einfach nur jede Berührung und ertaste neugierig und vorsichtig den mir unbekannten Körper.

Männer spielen so oft die Coolen und Unnahbaren

Nur bei einer Übung habe ich noch einmal einen Mann als Partner und diese Übung brennt sich mir auch dermaßen ins Gedächtnis. Michael erklärt, dass wir vor einer Berührung den Partner fragen sollen, ob wir ihn oder sie so berühren dürfen. Und erst wenn er oder sie zustimmt, dann dürfen wir die Berührung ausführen.

Mein Partner ist ein Hüne von mindestens zwei Meter Körpergröße und läuft trotz seiner beeindruckenden Statur plötzlich knallrot an. Verlegen lacht er und schaut immer wieder auf den Boden. Da ist wohl das Kopfkino angegangen. Diese Geste und Offenheit berührt mich trotzdem unglaublich. Mehr menschlich und authentischer hätte er sich gar nicht geben können. Männer spielen so oft die Coolen und Unnahbaren, da war diese Verlegenheit einfach nur herzerfrischend und nimmt mir mit einem Schlag meine Scheu vor ihm. Also liebe Männer, ein bisschen mehr Gefühl und Unsicherheit kann auch verdammt stark wirken. Zum Schluss erlaube ich ihm sogar ohne komisches Gefühl, meine Brüste einfach nur in seinen Händen zu halten. Ich spüre keinerlei sexuelle Erwartungshaltung, einfach nur Neugierde und freudiges Erforschen von Grenzen. Eine weitere unheimlich heilsame Begegnung mit einem Mann an diesem Abend.

Wir ergeben uns ganz dem Moment

Meine letzte Partnerin ist an diesem Abend eine zauberhafte Frau, die ich schon öfters in dieser Nacht zu Partnerübungen getroffen habe. Sie küsst ganz zärtlich meinen Nacken und mein Schlüsselbein. Ich genieße die unbekannte Weichheit ihres Mundes. Und so ergeben wir uns ganz dem Moment. Eine Einheit aus Geben, Nehmen, Schenken und Empfangen. Die Paare und kleinen Grüppchen um uns herum, haben sich schon auf Decken und Kissen gebettet. Wir tuen es ihnen gleich. Zärtlich liegen wir uns in den Armen. Tauschen vorsichtig erste Küsse aus und lassen uns von spirituellen Klängen und dem Moment berauschen. Behutsam darf ich ihre Brustwarze liebkosen, lasse meine Hände über ihr Gesicht und ihre Haare gleiten.

Aus dem Augenwinkel sehe ich die anderen Teilnehmer. Manche mutige Frau, nur noch im Slip bekleidet, wie sie sich ganz den massierenden Händen ihres Partners hingibt. Ich fühle mich angeregt, aber nicht wollüstig. Harmonie, Weichheit und Liebe liegen in der Luft.

Wir bleiben vollkommen bekleidet und genießen einfach nur das Beisammensein. Tauschen flüsternd Fantasien aus. Ich fühle die Dankbarkeit in mir für diese intimen Momente.

Die letzten 10 Minuten des Tantra Healing Temples

Als Michael die letzten 10 Minuten ankündigt, fühle ich mich schon ein wenig sehnsüchtig. Zu gerne möchte ich den Moment mit all meiner Kraft festhalten.

Und das Universum beschenkt mich mit noch mehr Nähe. Der Freund von meiner Partnerin verlässt seine Weggefährtinnen und gesellt sich noch einige Minuten zu uns. Ich liege entspannt zwischen den Beiden und bin fasziniert vom Kontrast ihrer weiblichen Weichheit und seiner männlichen Energie. Auch wenn ich mich ihm gegenüber unendlich Scheu fühle, empfinde ich es als Geschenk zwischen diesen beiden wunderschönen Menschen gebettet sein zu dürfen und ihre Aufmerksamkeit zu genießen. Es fühlt sich so natürlich und authentisch an.

Es ist sehr spät geworden. Wir haben ganz schön überzogen, aber es war jede Sekunde wert. Im Herzen mit pulsierender Liebe erfüllt, fahre ich lächelnd nach Hause.

Der Tantra Healing Temple hat mich ein weiteres Stück geheilt

Lieber Michael, ich danke dir für diesen wundervollen geschützten Raum. Du warst meine Stimme zu mir selbst und hast in mir eine Freude auf Begegnungen mit fremden Menschen geweckt. Ich danke dir für die Möglichkeit, mich und mein Begehren, meine Lust, meine Ängste in solch einem liebevollen Rahmen zu erforschen und mich und mein Sein auf ganzer Ebene zu genießen.

Ich bin stolz auf mich, dass ich es geschafft habe zu jedem Zeitpunkt immer meine Grenzen zu bewahren und dass ich mich dadurch immer gut und bei mir gefühlt habe. Meine Grenzen haben sich nun leicht geweitet und ich kann fremden Menschen mutiger und offener entgegentreten. Ich fühle mich wieder ein Stück mehr von meinen Ängsten befreit und bin so neugierig auf alles was noch kommt, auf alles, was ich noch erleben darf. Wieder ein Stückchen mehr geheilt.

Noch einmal ein großes Dankeschön lieber Michael. Wir haben uns sicher nicht zum letzten Mal getroffen!

www.kreuzwieser.org