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Es ist aus. Ein für alle Mal. Dieses ständige On-Off ist nichts mehr für mich.

Ach, es war doch gar nicht so schlimm beim letzten Mal, oder? Ich könnte es doch mal wieder probieren? Wenn ich als ganz normaler Mensch bei Tinder angemeldet bin, dann wird es ja auch andere Menschen wie mich geben, die eine Beziehung möchten? Sabine und Frank haben sich beim Online-Dating kennengelernt. Und Tina und Matthias doch auch.

Never ending Story

Und schon hast du Tinder oder eine ähnliche App wieder installiert. Noch schnell einen seriösen Vorstellungstext eingetippt, damit du auch gar nicht das falsche Klientel ansprichst. Du swipst durch die Fotos und irgendwie kommen dir schon eine ganze Menge der Gesichter bekannt vor. Noch bist du hoffnungsvoll.

Spätestens nach 24 Stunden bist du von sinnlosen „Hey“ oder „Wie geht’s?“ Nachrichten, Anfragen, ob Mann nicht deinen Abend mit einer Flasche Rotwein bereichern darf, dem ein oder anderen Penisbild oder der Diskussion, ob du denn nicht doch eine Freundschaft Plus möchtest, vollkommen entnervt. Sei doch erst einmal mein Freund bevor du irgendein Plus bist. Schön sind auch die etlichen Matches, die niemals (zurück-)schreiben.

Tinder durchhalten

Aber du willst durchhalten. Es muss sich nur die Spreu vom Weizen trennen.

Mit zwei oder drei schreibst du noch etwas länger. „Was arbeitest du so?“, „Was machst du nach der Arbeit gerne?“, „Was machst du gerade?“

Patrick meldet sich von Jetzt auf gleich nicht mehr.

Jörg triffst du und weißt nach drei Sekunden, ok, das war wohl wieder eine Woche umsonst schreiben. Ihr unterhaltet euch nett, aber du bist froh, als du nach einer Stunde voller Höflichkeit wieder gehen kannst.

Und Tom. Ja, Tom ist ganz attraktiv. Aber er lebt noch bei Mutti zu Hause…

Bekommst du nicht immer wieder gesagt, dass deine Ansprüche zu hoch sind?

Also triffst du dich noch ein paar Mal mit Tom. Irgendwann schlaft ihr miteinander. Das ist auch ganz ok, aber irgendwie hast du dir das anders vorgestellt. Ihr trefft euch in der Regel immer nur zum Sex. Das ist dir nach einer Weile zu wenig. Und obwohl du dir nicht mal vorstellen kannst, ihn deiner Familie vorzustellen, fragst du ihn, wie es nun weiter geht. Er möchte nichts Festes.

Tja, und dann. Seht ihr euch immer weniger. So richtig Lust ihn wieder zu sehen, verspürst du auch nicht. Irgendwann verläuft sich alles im Sande.

Tinder, once again

Bis du auf die glorreiche Idee kommst, du könntest ja mal wieder Tinder installieren. Oder Lovoo, oder Once. Oder wie auch immer sie alle heißen.

Hehe, kommt dir das bekannt vor? Diesen Kreislauf habe ich über zwei Jahre mitgemacht Und sicher hat mir das Online-Dating auch die ein oder andere Anekdote in meinem Blog gebracht, aber letztendlich habe ich mich mehr über die verschwendete Lebenszeit mit Menschen, die mir nichts bedeuten, aufgeregt, als dass es mir Freude gebracht hätte.

Dabei hat sich mein kleines Herz nur danach gesehnt, ein bisschen Verbundenheit zu spüren. Ein bisschen menschliche Nähe, gesehen werden, die Hoffnung nach Zweisamkeit in einsamen Momenten. Der Wunsch nach Intimität.

Bedürfnis nach Nähe und Intimität

Und wie oft habe ich versucht diese Intimität durch sexuelle Handlungen herzustellen. Denn näher oder intimer kannst du ja keinem anderen Menschen kommen? Doch wie schnell hat es sich schal angefühlt? Wenn diese Intimität nur wenige Minuten nach der Vereinigung wieder verschwunden ist und ihr doch wieder nur zwei vollkommen fremde Menschen seid?

Ich glaube unsere Gesellschaft lässt uns langsam vereinsamen. Wir wachsen in Kleinstfamilien auf, wir arbeiten den ganzen Tag, wir haben viele Bekannte, aber wenig wirklich Freunde. In Hamburg sind aktuell 54% aller Haushalte Singlehaushalte. Wen wundert es da, dass wir uns nach menschlicher Nähe sehnen? Nähe ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Babys ohne körperliche Fürsorge sterben, auch wenn sie sonst alles haben. Sie verkümmern emotional.

Verwechseln wir nicht manchmal unser Bedürfnis nach Nähe und Zuneigung mit dem Bedürfnis nach Sex?

Doch sollen Tinder & Co nun die Lösung dafür sein? Verwechseln wir nicht manchmal unser Bedürfnis nach Nähe und Zuneigung mit dem Bedürfnis nach Sex? Klammern uns an die flüchtigen Augenblicke der Zweisamkeit, um emotional nicht zu verhungern?

Für mich ist es keine Lösung mehr. Die Illusion ist verflogen. Sicher, ich könnte weiter die Nadel im Heuhaufen suchen, nach dem Menschen, der die Leere füllen kann. Aber darauf habe ich einfach keine Lust mehr. Warum mir etwas wie Tinder antun, was mir keinen Spaß macht, nur in der Hoffnung vielleicht irgendwann mal einen passenden Partner beim Online-Dating zu finden?

Manche Coaches werden jetzt aufschreien und sagen, du musst dich nur genug selber lieben. Dann brauchst du auch gar keinen Partner mehr, der dein Bedürfnis nach Nähe erfüllt. Ich glaube aber, dass der Mensch ein sehr soziales, empfindsames Wesen ist, und sich nicht alle Nähe selber geben kann. Ich bin viel und gerne allein und trotzdem liebe ich es im Arm gehalten oder gestreichelt zu werden.

Doch wie nun raus aus diesem Dilemma, wenn Tinder nicht die Lösung ist?

Kuscheln und Tantra

Für mich habe ich den Weg gefunden, Begegnungen zu schaffen und Räume zu besuchen, die mich nähren. Die mir das Gefühl von Intimität geben, ohne, dass ich gleich Sex habe. Manchmal ist es nur das Händchenhalten auf der Straße mit einer Freundin oder die extra lange Umarmung von meiner Mama oder meinem Papa. Am Anfang war das sehr komisch und steif, aber inzwischen genießen sie es sehr. Ich halte sie dann ein bisschen länger in meinen Armen fest, bis ich merke, dass sie sich entspannen.

Immer mehr ist es aber auch das Kuscheln mit Frauen und Männern zum Beispiel nach einer Kakaozeremonie oder auf extra Kuschelparties. Hin und wieder ist es aber auch einfach das gute, intime Gespräche mit einem Freund, einer Freundin über Dinge, die einen wirklich bewegen.

Am Anfang ist es oft sicher noch etwas unbeholfen. Wir sind es nicht mehr gewohnt mit Menschen, mit denen wir keinen Sex haben, zu kuscheln oder Menschen richtig zu umarmen anstatt nur kurz zu drücken.

Ab und zu kommt auch mal etwas Verwirrung auf. Wenn man zum Beispiel auf einem Event einem Menschen sehr nahekommt, den man sonst vielleicht nur auf einer anderen Ebene kennt. Da kommt dann schon mal das Kopfkino ins Spiel. Entsteht da jetzt mehr oder nicht? Ist das gerade nur der Augenblick? Wir sind oft so konditioniert, dass wir schnell auf sexueller Ebene denken. Aber das ist ok, diese Projektionen gehören dazu und flachen wieder ab.

Wem das alles nicht reicht, dem empfehle ich Tantramassagen. Dort durfte ich meine Sexualität von einer ganz anderen Seite kennen lernen. Meine Massagen waren so viel schöner und berührender als all der casual Sex, den ich jemals hatte.

Echte Intimität und Verbundenheit

Mir geben diese Begegnungen unglaublich viel. Sie erfüllen und nähren mich. Erschaffen Verbundenheit und öffnen mein Herz weiter, als ich es bei vielen oberflächlichen Tinder Bekanntschaften erlebt habe. Ich kann dich nur ermutigen diesen anderen Weg der Intimität einmal auszuprobieren.

Berührungen, Kuscheln, Streicheln kann unglaublich liebevoll und ohne sexuellen Hintergrund sein. Wir haben es nur verlernt. Dabei müssen wir uns nur ein Bespiel an unseren Kindern oder Haustieren nehmen. Die wollen auch ständig körperliche Nähe und kuscheln und denken dabei gewiss nicht an Sex.

Seitdem ich für mein Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Gehalten werden Sorge trage, verlangt es mich immer weniger nach Tinder & Co. Und so lässt sich die Zeit, bis zu einem Partner an der Seite, mit dem man sich eine Zukunft vorstellen kann, viel besser genießen.

Ich bin seit einigen Monaten tinderfrei. Und du?