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Die Vermännlichung der Frau

Die Vermännlichung der Frau. Mit diesem Kapitel startet das Buch „Weiblichkeit leben – Die Hinwendung zum Femininen“ von Astrid Leila Bust und traf bei mir einen empfindlichen Nerv.

Nach dem Abitur habe ich mich für eine sehr männerdominierte Branche entschieden. Der Frauenanteil in meinem Unternehmen liegt je nach Abteilung zwischen 5 und 20 Prozent. Auf manchen internen Weiterbildungen war ich oftmals die einzige Frau. Oft war mir das unangenehm und ich wollte keine Extrabehandlung. Also passte ich mich an. Ich wollte nicht schwach wirken und strebte nach Anerkennung und Wahrnehmung. Definierte mich mehr und mehr über Statussymbole. Gefühle begann ich zu verstecken, zu unterdrücken, bis ich sie kaum noch fühlte.

10 Jahre später fühlte ich mich ausgebrannt und depressiv. Wozu die ganze Arbeit und Anstrengung, wenn man abends nur tot auf die Couch fällt? Ich stellte mein ganzes Lebensmodell in Frage, fühlte mich verloren und wusste überhaupt nicht mehr, wer ich war, wer ich sein wollte und welchen Idealen ich hinterherlaufen sollte.

Weiblichkeit annehmen

Schon in den ersten Seiten des Buches fühlte ich mich verstanden. Hier wird die Theorie aufgeworfen, dass durch die politische Bewegung der 1970er Jahre zur Gleichberechtigung der Frau, die originären weiblichen Werte zunehmend abgelehnt wurden. Frauen der vorherigen Generationen lebten oft in einer passiven, durch Männer fremdbestimmten Welt und ergaben sich ihrem Schicksal der Abhängigkeit und Unmündigkeit willenlos.

Nun, da sich die Frauen endlich als Teil der leistungsorientierten Männerwelt verstanden, übernahmen sie unbewusst auch deren Werte wie Leistungsdenken, Konkurrenz und die Ablehnung weiblicher Qualitäten. Dies spiegelt sich zum Beispiel in der Vermännlichung der Frauenkörper (ich habe mir lange auch einen schlankeren, sportlicheren Körper gewünscht) oder einem mangelnden Körpergefühl (welches essentiell für eine gute Sexualität ist) wider. Selbstkritik, das Funktionieren und Organisieren, die Trennung von Verstand und Gefühl, das Übernehmen der Führungsrolle in der Partnerschaft und auch die vermännlichte Sexualität wurden zunehmend selbstverständlich.

Dabei schreibt sie: „Die Fähigkeit, als Frau einen Orgasmus zuzulassen, setzt tatsächlich viele weibliche Qualitäten voraus, die die Frau dann neu entdecken und entwickeln darf: die Fähigkeit, ganz im eigenen Körper präsent zu sein und diesen von innen zu fühlen, die Fähigkeit, sich mit den eigenen körperlichen Empfindungen sowie mit dem Partner verbinden zu können. Zu lernen, ganz in den Augenblick hinein zu entspannen und die Kontrolle der Gedanken zugunsten des Fühlens aufgeben zu können. Nicht damit beschäftigt zu sein, in welchen Stellungen sie besonders vorteilhaft zur Geltung kommt, sondern die verschiedenen Körpergefühle lustvoll und frei ausdrücken zu dürfen.“ Sie plädiert dafür, Abstand zu nehmen von der lieblosen und zielgerichteten Befriedigung und Orgasmusfixierung.

Einfluss unserer Mutter

Im zweiten Kapitel wendet sich Leila Bust den verschiedenen Muttertypen wie die Glucke, die sich Aufopfernde, die körperlich oder seelisch kranke Mutter oder die Rabenmutter zu. Sie zieht den Schluss, dass wir in der Regel unsere Mütter als asexuelle Wesen betrachten. Ursächlich dafür ist, dass unsere Mütter meist selber keinen besonders guten Kontakt zu ihrem Körper, ihrer Sinnlichkeit und Sexualität hatten. Ich habe mit meiner Mutter bisher sehr selten über Sex gesprochen. Ich kann mich nicht einmal an eine Aufklärung ihrerseits erinnern. Und wenn wir darüber gesprochen haben, dann hat sie mir eher von ihren negativen Erfahrungen und warum ihr Sex kein Spaß macht, berichtet. Somit ist vermutlich ein Teil meiner gestörten Sexualität unbewusst auch durch meine Mama entstanden. Aber sie wusste es ja selbst nicht besser, also kann ich ihr das wohl kaum zum Vorwurf machen.

Weibliches Karma & Kollektiver Schmerz

Im nächsten Kapitel fordert uns Leila Bust auf, uns vom weiblichen Karma zu befreien. Als erstes schreibt sie, dass wir nicht unsere Gefühle sind. Wir sollen Gefühle daher nicht überbewerten und sie als die einzige Wahrheit annehmen. Dies geht einher mit dem, was ich während einer depressiven Phase über Achtsamkeit und Wahrnehmen ohne Bewerten gelernt habe. Daher kann ich nur jedem empfehlen, sich mit dem Thema Achtsamkeit auseinander zu setzten.

Danach möchte Leila Bust, dass wir uns vom kollektiven Schmerz und dem Opferbewusstsein lösen. Dies war eine absolut neue Theorie für mich. Der kollektive Schmerz ist dabei, der Schmerz den Frauen zum Beispiel während der Menstruation oder der Geburt erleiden. Die Opferrolle ist die Wahrnehmung der Frau in den vergangenen Jahrhunderten als das schwache, vom Mann dominierte Wesen, der über ihre Aufgaben, ihren Körper und auch über ihre Sexualität entschied. Dabei geht Leila Bust sogar soweit, dass sie davon ausgeht, dass in dem Unterbewusstsein von Frauen das kollektive Erbe unserer weiblichen Ahnen und bei Männern ein kollektives Schuldgefühl gespeichert ist. Dies ist für mich nachvollziehbar, aber dennoch schwer zu greifen. Leila Bust möchte aber nicht, dass wir in dieser Anklage des Mannes stecken bleiben. Sie geht davon aus, dass eine wirkliche Befreiung und Loslösung vom Schmerz nur durch Aussöhnung möglich ist, wenn wir uns wieder gegenseitig wertschätzen.

Unsere erste große Liebe

Als nächstes widmet sich Leila Bust unserer ersten großen Liebe, unserem Vater. Auch mein erster langjähriger Freund war meinem Vater sehr ähnlich. Die Beziehung zu unserem Vater prägt uns so tief, dass wir diese Beziehung in unseren Liebesbeziehungen fortsetzen oder wiederholen. Daher beleuchte Leila Bust an dieser Stelle die unterschiedlichen Beziehungen zu unseren Vätern und möchte, dass wir auch diese Wunde heilen. Dazu gibt sie uns eine Übung zum Abschied vom Vater an die Hand, sodass wir zu autarken Frauen werden.

Die Frau und ihre Sexualität

In den nächsten Kapiteln sind die Frau und ihre Sexualität wieder im Fokus. Als erstes empfiehlt Leila Bust uns die heilsame Wirkung von Frauenkreisen. Dieser Empfehlung bin ich gefolgt und kann es nur jeder Frau ans Herz legen. Meine Erfahrungen mit meinem ersten Frauenkreis und einem Selbstliebe-Workshop für Frauen könnt ihr auch hier auf dem Blog nachlesen.

Nur wenn die Frau wieder mündig wird und sich mit ihrem Körper auseinandersetzt, lernt ihr Bedürfnisse und Wünsche zu äußern, wird sie ihre Angst vor dem Mann ablegen und zu einer glücklichen Sexualität ohne Abhängigkeit vom Mann, finden. Leila Bust beschreibt in einer wundervollen Weise, wie wir unseren Körper wiederentdecken können und welche weiblichen Qualitäten wir besitzen. Wir sollen uns von negativen Männerbildern wie schwanzgesteuerte Machos, aber auch von archetypischen männlichen Frauenbildern wie Hure vs. Heilige lösen.

Weiblichkeit stärken

Im Kapitel Weibliche Sexualität gibt sie uns viele praktische Übungen an die Hand, in denen wir zum Beispiel lernen unseren Körper mehr anzunehmen und uns selber zu lieben. Auch sehr intime Übungen, wie wir unsere Vulva kennen und lieben lernen oder unseren G-Punkt stimulieren. Sie setzt sich mit unseren gesellschaftlichen Vorstellungen wie der Orgasmuspflicht oder dem gemeinsamen Höhepunkt auseinander und beschreibt die verschiedenen Orgasmusarten.

Partnerschaft & Sexualität

Hiernach geht Leila Bust tiefer auf Partnerschaften ein und wie wir die bessere Balance zwischen den Polen von Sicherheit, Vertrauen, Nähe, Geborgenheit, Liebe und Abenteuer, Fremdheit, Unsicherheit sowie Sex halten. Dabei spricht sie sich dafür aus, dass jeder sich um sich selbst kümmern soll und wir unser Glück nicht vom Partner abhängig machen sollen. Auch ich dachte lange Zeit, dass mein Partner mich glücklich machen muss und habe mich so stark von äußerer Bestätigung abhängig gemacht. Das Problem hierbei ist nur, dass wir, wenn diese Bestätigung weg fällt, in ein tiefes Loch fallen. Daher kann wahres Glück nur aus uns selber kommen und unser Partner ist nur eine Bereicherung in unserem Leben, aber nicht für unser Glück verantwortlich.

Leila Bust beschreibt weiter Möglichkeiten wie wir die Spannung in unseren Beziehungen hochhalten können, wie durch getrennte Schlafzimmer und Raum für uns, aber auch wie wir mit Eifersucht, Recht haben wollen oder Geheimnissen umgehen können.

Fazit

Insgesamt ein Buch mit sehr, sehr viel Input, vielen praktischen Übungen und handlichen Beispielen. Dadurch konnte ich auch immer nur kleine Abschnitte lesen, um das viele neue Wissen erstmal zu verdauen und habe so recht lang gebraucht, um das Werk zu lesen. Und ich stelle bei dieser Buchrezension fest, dass das einmalige Lesen nicht ausreicht, um all die Tipps und Weisheiten aufzunehmen und zu verinnerlichen.

Ich kann dieses Buch uneingeschränkt jeder Frau empfehlen, die auf der Suche nach sich selbst ist, die ihre Weiblichkeit wiederentdecken möchten und ihre Sexualität für sich alleine und auch in ihrer Partnerschaft verbessern möchte. Das Buch war für mich sehr inspirierend, Augen öffnend und gibt mir auch praktische Tipps zur Umsetzung. Ein Standardwerk. Mehr kann man von einem Buch nicht erwarten.

 

Hier findest du das Buch:

„Weiblichkeit leben – Die Hinwendung zum Femininen“ von Astrid Leila Bust